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Summerwine

Ein Martinique St. Claire Roman

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Rennes-le-Chateau


Teil 1


Kapitel I


Das kleine Gewölbe wurde von vier Fackeln beleuchtet, die mehr Schatten spendeten als Licht. Auf dem Tisch lag ein Mann. Seine Arme und Beine waren mit gepolsterten Lederriemen auf der Tischplatte festgeschnallt. Das Gleiche galt für seinen Oberkörper. Es war ihm unmöglich sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Ein dünner Plastikschlauch endete in einer Nadel in seinem linken Arm. Daran angebracht, eine Flasche mit einer klaren Flüssigkeit. Etwas weiter unten war ein weiterer Zugang in den Schlauch eingelassen, in dem sich eine Spritze mit einer dunklen, roten Flüssigkeit befand.

Wie aus dem nichts erschien eine stattliche Person hinter dem Tisch. Ihre dunkle Kapuze, die sie tief ins Gesicht gezogen hatte, erlaubte es nicht das gespenstische Grinsen zu zeigen, das ihre Mundwinkel umspielte. Sie trat neben das Kopfende des Tisches. Mit einem kräftigen Ruck wurde das Rad gedreht. Der Mann schrie laut auf. Ein Windzug ließ die Flammen der Fackeln für einen Augenblick flackern. Erneut drehte die Person an dem Rad. Ein weiterer Schrei brach sich an den Wänden des Gewölbes. Trotzdem der Raum nur klein war, hallte das Echo wieder, als wäre man in den Bergen. Das Stroh auf dem Boden knisterte unter den Füßen der Person, die nun um das Kopfende des Tisches herum auf die linke Seite kam, sich herunterbeugte, bis der Mund neben dem Ohr des Mannes war und leise flüsterte: "Wer ist es? Ich weiß, dass Sie es mir sagen wollen. Sagen Sie es mir und der Schmerz ist vorbei."

Der Mann auf der Streckbank sagte kein Wort. Trotz seiner Schmerzen im Rücken brachte er ein hässliches Grinsen zustande. Dann holte er tief Luft. "Was für Schmerzen?", fragte er.

Der Mann ging zu dem Gestell mit der Flasche und drehte den Hahn zu. Danach nahm er eine Spritze in die Hand und drückte den ganzen Inhalt dem Mann in die Blutlaufbahn. Mit vor dem Körper gefalteten Händen stellte er sich neben die Bank und wartete.

Die Augen des Mannes wurden leicht glasig und groß. Schließlich entspannte sich sein Gesicht und so etwas wie Glückseligkeit machte sich breit. Die Person entschied, es war an der Zeit weitere Fragen zu stellen. Das Wahrheitserum hatte sein Werk begonnen.

"Wer ist es? Und wo sind die gestohlenen Informationen?", zischte die Person unter der Kapuze hervor. Doch der Mann auf der Streckbank schwieg. Auf einmal fing er an zu weinen. Wie ein kleines Kind redete er plötzlich, wie ein Wasserfall und ließ sich auch nicht stoppen. Nichts, von dem was er sagte, interessierte die Person in der Kutte. Erneut drehte sie an dem Rad. Diesmal kam kein Schrei. Stattdessen wurde die Frage wiederholt. Der Mann auf der Streckbank drehte seinen Kopf. Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

"Von mir werden Sie nichts erfahren."

Wutentbrannt drehte der schaurige Kapuzenmann erneut am Rad der Streckbank. Immer und immer wieder stellte er die gleichen Fragen. Das Wahrheitserum hatte scheinbar nicht den gewünschten Erfolg. Aber er hatte noch andere Waffen. Der Inhalt einer weiteren Spritze fand ihren Weg in die Adern des Mannes. Diesmal dauerte es etwas länger, bis das Serum wirkte. Dafür war der Effekt aber um so stärker. Schweiß bildete sich auf dem ganzen Körper des Mannes. Zischend sog der Gefangene zwischen fest zusammengepressten Zähnen die Luft ein.

"Na?", fragte die hämisch klingende Stimme unter der Kapuze, "Wird es langsam heiß?"

"Es ist hier fast so schön wie in meinem letzten Thailandurlaub", quetschte der gequälte Mann zwischen den immer noch zusammengepressten Zähnen hervor.

"Dann wollen wir Ihnen mal einen wunderschönen Psychotrip schenken. Vielleicht sind Sie ja dann bereit, meinen Fragen zu beantworten." Er griff nach der dritten Spritze, die hinter ihm auf dem kleinen Tisch lag, und drückte sie in den Zugang von dem Schlauch. Die Bewegungen auf dem Tisch wurden hektisch. Der Mann versuchte sich von der einen auf die andere Seite zu wälzen, seine Beine und Arme an sich zu ziehen, sich zu befreien. Man konnte fast annehmen die Kombination aller Seren würde in ihm jetzt den unglaublichen Hulk erwecken, so sehr strengte er sich an.

Plötzlich wendete er sich an seinen Peiniger.

"Sie sollten mal wieder in die Kirche gehen, ha ha haaa ..."

Er drehte und wendete sich, bis ein lautes Knacken zu hören war. Der Mann auf der Streckbank fiel auf die Platte zurück und regte sich nicht mehr. Es trat eine absolute Stille ein.


Kapitel II


Blanchard saß in seiner kleinen Wohnung in Paris und blickte erwartungsvoll in Richtung seines Gesprächspartners, der sich erst vor wenigen Minuten eingefunden hatte. Auf dem Tisch vor ihm lagen mehrere aufgeschlagene Bücher über Rennes-le-Chateau und den Abbé Bérenger Saunière. Ein Buch fiel dabei besonders auf. Es war mit unzähligen gelben Post-IT-Zetteln gespickt. Der Titel lautete: 'Der heilige Gral und seine Erben'.

Der Raum war mit alten Eichenmöbeln eingerichtet und strömte eine Art altertümliche Gemütlichkeit aus. In den Regalen befanden sich Unmengen an weiteren Büchern. Alle befassten sie sich mit historischen oder mystischen Themen. Der Boden wurde von einem dicken Teppich bedeckt, der jedes Geräusch schluckte und scheinbar auch aus dem vorletzten Jahrhundert stammte. Man konnte jedenfalls annehmen, dass er schon bessere Tage gesehen hatte. Der Ohrensessel, in dem Blanchard saß, stammte aus dem Biedermeier und nahm den meisten Platz in diesem Raum ein.

Durch das Fenster an der Seite fiel nur noch wenig Licht, da die Sonne bereits fast völlig untergegangen war, als Blanchards Gast zu sprechen anfing.

"Ich sehe gerade, Sie haben Lincoln, Baigent und Leigh gelesen. Was halten Sie von deren These?" Während sein Gast weiter sprach, griff Blanchard nach dem Buch mit den Unmengen an Post-IT-Klebern. Es handelte sich um eine deutsche Taschenbuchausgabe, auf der das Wort GRAL in großen, roten Lettern prangte. Er klappte es auf und ließ die Seiten durch seine Finger gleiten. In der Mitte des Buches befanden sich einige schwarz/weiß Bilder, die er sich genauer ansah. "Es würde mich wirklich interessieren, wie Sie über die Chronologie der Ereignisse und die Schlussfolgerungen der drei Autoren denken. Ich bin neugierig, ob sich Ihre Meinung, mit der meinen deckt", fuhr sein Gast fort.

"Ehrlich gesagt bin ich mir nicht so sicher, was ich von den Aussagen der drei Autoren halten soll. Sicherlich haben sie die geschichtlichen Daten korrekt wiedergegeben. Auch die zeitlichen Abläufe sind stimmig. Die Namen, Daten, Orte, Kriege. Alles richtig. Doch das, was zwischen den Zeilen steht, darüber bin ich mir nicht sicher. Was davon Dichtung und was Wahrheit ist. Nehmen wir die Albigenserkriege von 1209. Die Daten sind völlig richtig. Dreißigtausend Mann, die vom Norden her in die Languedoc einfielen, um die Katharer zu vernichten, die die Kirche als Ketzer und Häretiker ansah. Auch die Belagerung der Katharerfestung Montségure wird einwandfrei dargestellt. Doch dann beginnen die 'Legenden' zu wirken. 'Glaubwürdigen Berichten zufolge', zitierte Blanchard frei aus dem Buch, 'brachten zwei Parfaits den materiellen Schatz der Katharer – Gold, Silber und Münzen – in Sicherheit …' Wenige Seiten später berichten die Autoren, dass, ich zitiere erneut: vier Parfaits unter Führung eines fünften am sechzehnten März einen Fluchtversuch unternahmen, in dem sie sich am westlichen Steilhang mit Seilen hinab gleiten ließen, um dann aus beträchtlicher Höhe in die Tiefe zu springen, Zitat Ende. Was soll ich davon halten. Zwei Menschen, die einen materiellen Schatz transportieren, wahrscheinlich, da nicht anders erwähnt, auf die gleiche Art und Weise, wie die anderen fünf, drei Monate später. Und was soll dieser andere Schatz sein, den fünf Menschen in Sicherheit bringen wollen. Und was heißt 'aus beträchtlicher Höhe'? Hat überhaupt einer von denen überlebt und ist dort angekommen, wo er hin wollte?", stellte Blanchard die Frage in den Raum.

Erneut breitete sich Schweigen im Raum aus. Blanchard nutzte die Gelegenheit, im Kamin das Feuer neu zu entfachen. Mit dem Schürhaken verteilte er die noch glimmenden Holzreste auf der Bodenfläche, bevor er von der rechten Seite des Kamins neues Holz nach legte. Mit einer Zeitung wedelte er solange Luft zu, bis erneut eine rote Glut entstand. Dann warf er, nach einem prüfenden Blick auf das Datum der Zeitung, diese ins Feuer.

"Ich sehe", überraschte ihn sein Gast plötzlich, "dass wir die gleichen Zweifel haben. Viele der angeführten Beweise lassen sich heute nicht mehr nachprüfen, scheinen Legenden entnommen worden zu sein oder gar lokalen Märchen zu entstammen. Ihr Beispiel ist gut gewählt. Lincoln, Baigent, Leigh behaupten ja, es würden sich um Bücher, Manuskripte, Geheimschriften oder Reliquien handeln, die angeblich nicht früher weggeschafft werden konnten, weil die Katharer, trotz Belagerung noch eines ihrer religiösen Feste feiern wollten. Die Frühlings-Tagundnachtgleiche. Alles schöne Reden, aber keine Beweise."

"Und so geht es immer weiter in diesem sogenannten Sachbuch", unterbrach Blanchard seinen Gast.


* * *


Zur gleichen Zeit, eintausendfünfhundert Kilometer südöstlich.

"Wir haben es", rief der Abt aufgeregt. "Wir haben es endlich gefunden, Eure Eminenz."

Der Mann in der kardinalroten Robe drehte sich langsam um. Durchdringend sah er den Leiter des Klosters an. Er war es nicht gewohnt, dass man unangemeldet in seine Räumlichkeiten eindrang.

"Was", rief er laut und machte eine kurze Pause, während er tief durchatmete, "was haben Sie gefunden", fuhr er schließlich im normalen Tonfall fort.

"Das Objekt, nach dem wir schon so lange gesucht haben, Eure Eminenz. Habt ihr denn unsere Bestimmung vergessen?"

"Natürlich nicht", zischte er den verzweifelt drein blickenden Mönch an. "Wie können Sie es nur wagen … ? Berichten Sie." Mit einem wütenden Ruck drehte er sich um und zeigte seinem Gesprächspartner den Rücken. Er hatte heute schon genug Ärger gehabt. Dieser Mönch hatte besser gute Nachrichten für ihn. Wenn nicht würde er an ihm ein Exempel statuieren – nur um sich zu beruhigen.

"Wir haben endlich die Sammlung des Feindes gefunden."

"Wo ist es?"

"Das wissen wir noch nicht."

"Wie darf ich das verstehen, Prior?"

"Man hat es uns zum Kauf angeboten …?", weiter kam er nicht mehr.

"Man hat was?", unterbrach ihn der Kardinal mit leiser, bedrohlicher Stimme. "Man hat es Ihnen zum Kauf angeboten? Soll das heißen, die ganze Welt weiß von unseren geheimsten Vorhaben? Sind Sie vollkommen wahnsinnig?"


* * *


"Genau genommen", nahm sein Gast das Gespräch wieder auf, "genau genommen, wird es sogar noch besser. Indirekt behaupten die drei Autoren, dass die Katharer ihren geheimen Schatz in einem kleinen Dorf in der Nähe versteckt haben. Ein Dorf mit Namen Rennes-le-Chateau. Dort wurde er von einem Abbé Bérenger Saunière beim Renovieren seines Altars gefunden."

"Ein angebliches Dokument", nahm Blanchard den zugeworfenen Ball auf, "mit einem lateinischen Text aus dem alten Testament, bei dem einige Buchstaben erhöht waren und die den Satz ergaben A DAGOBERT II ROI ET SION EST CE TRESOR ET IL EST LA MORT. Übersetzt: Dieser Schatz gehört König Dagobert II und Zion, und dort liegt er tot. Nur schade, dass das Dokument viel zu neu ist, als dass Saunière dies in seinem Altar hätte finden können. Eine Fälschung. In Auftrag gegeben von einem Hochstapler, der sich selbst als letzter König von Frankreich und direkter Nachkomme von Jesus und Maria sah. Gründer eines Vereins, der erst 1967 gegründet wurde, dessen Großmeister aber unter anderem Leonardo da Vinci gewesen sein soll. Alles dokumentiert durch gefälschte Schriften, die in die französische Nationalbibliothek lanciert wurden und deren Autoren aus der Zeitung und den Todesanzeigen herausgesucht wurden, um den Dokumenten mehr Gewicht zu verleihen, indem man vermuten lässt, die Autoren wären ermordet worden, weil sie Geheimnisse preisgegeben haben."

"Aber Lincoln hat ja in einem Interview gesagt, es wäre nicht wichtig, wann ein Dokument entstanden ist, sondern, was sein Inhalt ist. Anders ausgedrückt, es ist, egal ob das Schriftstück mit den erhöhten Buchstaben älter, als sein Entdeckungsjahr ist, sondern der versteckte Text, ist wichtig. Auch, wenn der ziemlich verwirrend ist. Dagobert II war ein Merowingerkönig, also ein Katharer und Zion ist ein anderer Name für Jerusalem. Was also soll dieser Text uns sagen? Wer liegt tot in Jerusalem? Diese Frage wird nicht beantwortet, aber sie soll der Grund sein, warum Abbé Saunière soviel Geld erhalten hat. Ich denke, was die Autoren Rennes-le-Chateau und seinem Abbé nachsagen, ist falsch. Aber, ich bin überzeugt, dass es in diesem Dorf etwas anderes gibt."


Zur selben Zeit circa eintausend Kilometer nordwestlich in einem abgedunkelten Konferenzraum einer großen Firma. Zwölf Männer in dunkelbraunen Roben betraten die oberste Etage. Die Vorhänge an der Fensterfront waren zugezogen und ließen nur die gedämpften Lichter der Stadt durch, die sich wie unzählige Sterne auf dem Tuch widerspiegelten. Langsam, vom Rascheln der Wollkutten begleitet, begaben sie sich zu den ihnen, seit Jahren, zugewiesenen Stühlen. Einer von ihnen trat an ein Pult und bedeutete seinen Brüdern sich zu setzen und ruhig zu verhalten.

"Es gibt Informationen, dass uns ein herber Schlag bevorsteht. Jemand startet einen erneuten Angriff gegen den Orden. Das Schlimme ist, der Angriff kommt nicht von ungefähr. Scheinbar gibt es Kräfte innerhalb des Ordens, die gegen uns sind. Diese zu finden wird unsere schwerste und größte Aufgabe sein. Wir müssen besonders wachsam sein. Ich erwarte von allen, dass unsere wichtigsten Schwachpunkte geschützt werden. Ich habe erste Anweisungen gegeben, unsere bedeutendsten Güter zu transferieren. Das wird jedoch nicht ausreichen. Jede kleinste Abweichung vom Alltag muss sofort gemeldet und untersucht werden."

"Weiß der Großmeister darüber Bescheid?", fragte eine Stimme aus dem Dunkel heraus.

"Das Problem ist, dass er nicht glaubt, die Informationen könnten uns wirklich Schaden zufügen. Deswegen ist er auch nicht anwesend beim heutigen Treffen. Ich denke da jedoch vollkommen anders."


Mittlerweile war es Nacht geworden. Blanchard und sein Besucher saßen immer noch unbewegt in dem kleinen Zimmer. In dem Kamin knisterte jetzt ein Feuer, das seine wohlige Wärme und eine mystische Atmosphäre verbreitete, da es die einzige Lichtquelle war. Das Schweigen dauerte jetzt schon fast eine Viertelstunde an. Keiner von beiden wollte den Moment mit einem Wort zerstören. Jeder dachte für sich über die letzte Be­merkung nach. Was konnte das Geheimnis dieses Ortes wirklich sein? Gab es überhaupt ein Geheimnis und wenn doch, wer hütete es? Waren die Menschen dort wirklich nur Bauern? Fragen über Fragen, auf die es keine Antworten gab. Blanchard verzweifelte schon seit Jahren an dieser Frage. Viermal hatte er das Dorf bereits besucht und keinen Hinweis gefunden. Und er würde es wieder und wieder tun, bis er das Geheimnis gelüftet hatte.




Rezensionen,

Lohn des Autors und Hilfe für den Leser

Newtons Vermächtnis

Ein Katrin Russo Roman

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Kapitel Eins


Es war bereits später Vormittag, als Katrin versuchte, ihre Augen zu öffnen. Sie hatte das Gefühl, aus einem tiefen Koma zu erwachen. Nur sehr langsam schafften es ihre Augenlider, sich zu lösen und Millimeter für Millimeter zu öffnen. Das Erste, was sie sah, war eine dünne Linie rötlichen Lichts, die stetig größer wurde. Trotzdem sie ihre Augen nun schon zur Hälfte geöffnet hatte, sah sie alles nur verschwommen. Es dauerte noch ein paar Minuten, bis ihr Blick klar wurde. Allmählich erkannte sie, dass sie an einer weichen Unterlage lehnte, die zudem auch noch warm war. Irritiert schlossen sich ihre Augen wieder. Ihre Hand strich über den weichen Untergrund und versuchte herauszufinden, aus welchem Material er bestand. Als ihr dies nicht gelang, überwand sie sich, erneut die Augen zu öffnen. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie starke Kopfschmerzen hatte. Am liebsten hätte sie ihr Vorhaben wieder aufgegeben, doch ihre Neugierde ließ das nicht zu. Mit scheinbar letzter Kraft öffneten sich die Augenlider und gaben Katrin den Blick auf ihre Umgebung frei. Immer noch betäubt versuchte sie das Bild, was nun vor ihren Augen entstand, wie ein Puzzle in ihrem Kopf zusammen-zusetzen. Das Erste, was ihr klar wurde, war, dass sie sich in ihrem Schlafzimmer im Haus ihres Bruders befand. Glücklich über die erste brauchbare Information machte sie sich daran herauszubekommen, an was sie sich anlehnte und was sich so merkwürdig anfühlte. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass es sich nicht um eine glatte Fläche handelte, sondern um etwas Erhöhtes, was dazu auch noch sehr schmal war. Mühevoll drehte sie den Kopf von der Seite nach vorn und hob ihn an. In derselben Sekunde, in der sie dies tat, bereute sie es. Ein stechender Schmerz durchzog ihren Nacken und stieg in den Kopf auf. Nachdem sich ihre Sicht wieder geklärt hatte, betrachtete sie ihre Unterlage erneut.

Mit Entsetzen erkannte Katrin, dass sie zur Hälfte auf ihrem unbekleideten Bruder lag. Erschrocken riss sie die Augen noch weiter auf, während das Adrenalin durch ihre Adern schoss. In Michaels Hals steckte ein langes Küchenmesser, welches sie mit der linken Hand umklammerte. Aus der Wunde war eine unglaubliche Menge Blut ausgetreten, welche das Betttuch nahezu völlig rot gefärbt und durchnässt hatte. Katrin war jetzt vollkommen wach und stieß sich mit aller Kraft von dem toten Körper ab. Entsetzt kletterte sie rückwärts über das Fußende vom Bett und ging weiter bis zur Wand, wo sie an einen kleinen Tisch stieß. Schwer atmend betrachtete sie jetzt das gesamte Bild. Wie ein gehetztes Tier sah sie sich um, als müsste sich noch eine weitere Person in diesem Raum aufhalten, die nur auf diesen einen Moment gewartet hatte. Doch dort war niemand. Sie war allein. Plötzlich bemerkte sie, dass ihr Gesäß langsam kalt wurde. Erstaunt und verwirrt zugleich drehte sie sich langsam um und erkannte die kalte Marmorplatte des kleinen Tisches. Gleichzeitig bemerkte sie auch den Grund, warum diese ihrem Hinterteil die Wärme entzogen hatte. Sie stand vollkommen unbekleidet in dem Raum. Ihre langen Haare bedeckten noch nicht einmal den oberen Ansatz ihrer Brüste.

Katrin konnte einfach nicht begreifen, was hier geschehen war. Mit aller Kraft versuchte sie, die letzten Stunden zu rekonstruieren. Doch ihr fehlte jeglicher Anhaltspunkt, um auch nur ansatzweise zu erklären, wie sie mit ihrem Bruder in dieses Zimmer gekommen und warum sie beide unbekleidet waren. Sie konnte sich noch nicht einmal daran erinnern, gestern Abend ihren Bruder gesehen oder mit ihm gesprochen zu haben. Aber war dies wirklich so? Oder hatten sie sich auf etwas eingelassen, das dann außer Kontrolle geraten war? Ihr Blick ging weit ins Leere, während sie unbewegt immer noch neben dem Tisch stand, auf dem sie sich mit einer Hand abstützte. Von irgendwo her hörte sie das Ticken einer Uhr. Krampfhaft überlegte sie, was sie als Nächstes tun sollte.

Es lag jedoch nicht an ihr, den nächsten Schritt zu machen. Denn plötzlich überschlugen sich die Ereignisse.


Kapitel Zwei


Völlig unerwartet öffnete sich die Tür zu ihrer Rechten. Ein etwa ein Meter achtzig großer Mann, etwa Mitte dreißig, betrat ohne Ankündigung den Raum. Sein erster Blick fiel auf den Leichnam, der auf dem der Tür gegenüberliegenden Bett lag. Mit einigen wenigen großen Schritten erreichte er das Fußende und nahm den Tatort ausführlich in Augenschein. Katrin, die schräg hinter ihm stand, hatte er nicht bemerkt. Sie wurde, als er den Raum betreten hatte, von der Tür verdeckt. Während Alan auf das Bett zu stürmte, hatte er sich nicht um die weitere Umgebung gekümmert. Daher war ihm das zitternde Häufchen Elend, welches jetzt seine Arme über der Brust verschränkt hielt, nicht aufgefallen. Erst nachdem er sich schon fast vollständig wieder zum Gehen gewendet hatte, entdeckte der Mann Katrin in ihrer Ecke. Zunächst war ihm nicht klar, in was er hier hineingeraten war. Lange anhaltend musterte er die nackte Frau. Aus irgendeinem Grund registrierte sein Unterbewusstsein, dass es an Katrins Körper keine Blutspuren gab. Wer aber war diese Frau und was machte sie hier? Er war sich nicht klar darüber, was er als Nächstes machen sollte. Die Frau sah nicht gefährlich aus. Trotzdem lag hier eine Leiche und sie war die einzige weitere Person in diesem Raum. Unschlüssig blickte Alan immer wieder zu dem toten Körper auf dem Bett, während Katrin den Neuankömmling mit gemischten Gefühlen musterte. Scheinbar wollte keiner von beiden den ersten Schritt machen. Schließlich hielt es Alan nicht mehr aus. Er drehte sich mit einem Ruck zu Katrin um und sprach sie an.

"Was ist hier passiert?", fragte der Mann mit sich überschlagender Stimme. Dabei deutete er hektisch mit der einen Hand auf den Toten, während er mit der anderen Hand auf Katrin zeigte. Die war jedoch nicht in der Lage, auch nur ein Wort von sich zu geben. Hilfe suchend öffnete sie ihre Arme und streckte sie dem Unbekannten entgegen. Doch Alan blieb an seinem Platz stehen und wartete auf eine Antwort. Schließlich überwand sich Katrin doch noch.

"Ich weiß es nicht", brachte sie gequält hervor. "Ich kann mich an nichts erinnern."

Der Mann betrachtete ihren unbekleideten Körper erneut, um dann seinen Blick wieder auf Michael zu lenken, der in seinem eigenen Blut auf dem Bett lag. Katrin bemerkte dies. Hektisch versuchte sie, die Situation richtigzustellen.

"Ich habe damit nichts zu tun. Das müssen Sie mir glauben." Katrin sah den Unbekannten flehend an. Doch der zeigte keine Reaktion. Krampfhaft versuchte sie, ihn weiter zu überzeugen. "Ich bin heute Morgen wie aus einem Koma nackt neben meinem Bruder liegend aufgewacht, mit dem ich wohl ...", sie blickte an sich herunter.

"Sie meinen, sie haben mit ihm ...", den Rest ließ der Unbekannte offen.

"Ja. Ich meine, nein", korrigierte sich Katrin schnell wieder. "Wir hatten nicht eine solche Beziehung", wehrte Katrin jetzt vehement ab.

"Das glaube ich Ihnen allerdings gerne", antwortete Alan spöttisch.

"Was soll das heißen?", fragte Katrin jetzt aufbrausend. "Glauben Sie, ich bin nicht ...", der Rest ging bereits in Alans abwehrender Antwort unter.

"Nein, nein. Um Gottes willen. Das wollte ich damit nicht ausdrücken. Sie sind sehr, sehr ...", jetzt geriet er ins Stocken. Dabei deutete er mit beiden Händen von oben nach unten und wieder zurück auf ihren Körper. "Ich meinte ja nur, er hatte ...", wieder entstand eine Pause, "... kein derartiges Interesse. Ich glaube, Sie ziehen sich jetzt besser etwas an. Wir müssen uns unterhalten."

Katrin blieb immer noch wie eine Marmorstatue unbeweglich an dem kleinen Tisch stehen. Verzweifelt sah sie ihren Gegenüber an. Doch der machte nur eine hilflose Bewegung, drehte sich um und verschwand durch die Tür, die er hinter sich schloss.

Wieder allein im Raum, sah sich Katrin suchend nach ihrer Kleidung um. Sie fand diese an mehreren Stellen im Raum verteilt. Immer noch verzweifelt über die Tatsache, dass sie sich an gar nichts erinnern konnte, begann sie sich anzuziehen. Dabei versuchte sie es zu vermeiden, ihren toten Bruder auf dem Bett anzusehen. Als sie sich endlich fertig bekleidet hatte, nahm sie die Bettdecke und legte diese über den Toten. Danach verließ sie, mit einem letzten Blick auf das Bett, das Zimmer. Alan wartete bereits in der Küche auf sie, wo zwei Tassen mit dampfendem Kaffee auf dem Tisch standen. Auf dem Herd befanden sich verschiedene Töpfe und Pfannen, aus denen es nach einem englischen Frühstück duftete. Als Katrin den Raum betrat, drehte sich Alan zu ihr um. Seine Augen verrieten, dass er immer noch im Zweifel darüber war, was er von der Situation halten sollte. Katrin begab sich mit unsicheren Schritten zu dem ihr am nächsten stehenden Stuhl, auf den sie sich fallen ließ. Mit zitternder Hand griff sie nach einem der Becher, aus dem sie einen langen Schluck nahm. Alan hatte sich wieder dem Herd zugewandt. Es vergingen weitere zehn Minuten, ohne dass einer der beiden sprach.


Kapitel Drei


Nachdem die beiden eine Kleinigkeit gefrühstückt hatten, eröffnete Alan das Gespräch. Seine Stimme schreckte Katrin aus ihren Gedanken auf. Diese beschäftigten sich jedoch weniger mit ihrem toten Bruder, sondern mehr mit dem Unbekannten, der hier an diesem Tisch saß. Wer war er und wie war er in das Haus hinein gekommen? Wenn er ihren Bruder kannte, in welcher Beziehung stand er zu ihm? Und was sollte überhaupt die Bemerkung, dass ihr Bruder andere Interessen gehabt hätte? Eins schien jedoch festzustehen. Er hatte nichts mit dem Mord zu tun, denn dann hätte er sie wahrscheinlich ohne Zögern auch umgebracht. Oder war er vielleicht doch der Mörder? Warum hatte er noch nicht die Polizei gerufen? Möglicherweise war er zurückgekommen, weil er noch etwas zu erledigen hatte. Katrin konnte die Spannung nicht mehr aushalten. Ihr Kopf drehte sich ruckartig herum und ihre Augen bohrten sich in sein Gesicht.

"Wer sind Sie und wie sind Sie in dieses Haus gekommen?", schrie sie Alan an. Der zuckte sichtlich zusammen. Allmählich wurde ihm in der Gegenwart dieser Frau ein wenig unwohl. Ihr Blick, der Zustand der Leiche und einige andere Dinge deuteten auf eine Psychopathin hin.

"Vielleicht sollten wir doch besser die Polizei verständigen", antwortete Alan, ohne zunächst auf ihre Frage einzugehen. Doch das hätte er besser gelassen. Katrin stand so schnell von ihrem Stuhl auf, dass dieser dabei umfiel und sie den Tisch um mehrere Zentimeter von sich stieß. Alan war davon so sehr überrascht, dass auch er von seinem Stuhl aufsprang und sich über das umgestürzte Möbel einige Meter rückwärts nach hinten begab, bis er an den noch heißen Herd stieß. Erschrocken zog er seine Hand von der heißen Platte. Katrin hatte sein Missgeschick beobachtet und stürzte jetzt auf ihn zu, um ihm zu helfen. Doch das verstand Alan völlig falsch. Hektisch griff er in die nächste Schublade und förderte nach einigem wühlen ein Messer hervor, welches er Katrin entgegenhielt. Die bremste sofort ihren Lauf, um sich sogleich wieder ein Stück zurückzuziehen. Alan wechselte die Hand mit dem Messer und drehte mit der anderen den Wasserhahn auf. Dann ließ er das kalte Nass über die Brandblase fließen, während er Katrin nicht aus den Augen ließ. Diese wiederholte nun mit ängstlicher Stimme ihre Frage von vorhin.

"Mein Name ist Alan Arkin. Ich bin ...", seine Stimme geriet ins Stocken, "... war ein enger Freund von Michael. Wir haben in letzter Zeit an einem gemeinsamen Projekt gearbeitet. Genau genommen ist es sein Projekt gewesen. Ich habe ihm lediglich geholfen und ihn in einigen Dingen unterstützt. Das erklärt auch, wie ich in dieses Haus gekommen bin. Michael hatte mir einen Schlüssel gegeben, damit ich hier auch weiter arbeiten kann, wenn er nicht Zuhause ist. Und jetzt erklären Sie mir bitte, wer Sie sind und was Sie hier machen."

"Ich bin Katrin, Michaels Schwester. Michael hatte mich in sein Haus eingeladen, weil ich hier in Schottland an einer Konferenz für Archäologen und Bibelforscher teilnehme. Das Anwesen hier ist so groß, meinte Michael, dass er sich über ein wenig Gesellschaft freuen würde. Allerdings muss ich gestehen, habe ich Michael noch kein einziges Mal gesehen seit, dem ich hier angekommen bin."

"Warum?", fragte Alan erstaunt.

"Kurz bevor ich hier eingetroffen bin, erhielt ich eine SMS von meinem Bruder, dass er derzeit nicht zu Hause sei. Er bat mich, den Schlüssel für das Anwesen bei einer Bekannten in Melrose abzuholen. Das habe ich auch getan. Ich bin dann gestern Abend hier im Abbotsford House angekommen. Als Erstes habe ich mich frisch gemacht. Danach fand ich einen Zettel von Michael am Kühlschrank, dass er im Ofen bereits etwas vorbereitet hatte. Schließlich bin ich ins Bett gegangen, weil die lange Reise von Münster hier her mich doch sehr erschöpft hatte."

Bei der Erwähnung des Namens Münster runzelte Alan die Stirn. Natürlich kannte er die Stadt nicht. Daher musste Katrin ihm erst noch erklären, dass sowohl Michael als auch sie aus Deutschland stammten. Alan hatte ihren Bruder immer für einen waschechten Schotten gehalten, da dieser schon seit über zwölf Jahren an der Napier University in Edinburgh studierte und sogar jedes Jahr an den Highland Games teilnahm. Als Alan ihr das erzählte, musste Katrin kurz kichern. Sie sah ihren Bruder vor ihrem inneren Auge, wie er mit einem Schottenrock bekleidet Baumstämme durch die Gegend warf. Doch dieser Moment der Heiterkeit währte nur wenige Sekunden. Sehr schnell wurden beide wieder ernst und Alan beschloss, das Messer wieder in die Schublade zurückzulegen. Auch Katrin wurde jetzt klar, dass dieser Mann mit größter Wahrscheinlichkeit nichts mit dem Mord an ihrem Bruder zu tun hatte. Gemeinsam begannen sie nun zu überlegen, was sie mit dem Leichnam machen sollten. Natürlich wäre es am einfachsten, wenn man die Mordwaffe und die Fingerabdrücke auf ihr einfach verschwinden lassen würden. Nur dann würde die Polizei wahrscheinlich eine langwierige Untersuchung des Falles beginnen, die unter Umständen dazu führte, dass sie über Wochen oder gar Monate hier in Schottland festgehalten würde. Möglicherweise würde es sogar zu einem Prozess kommen, in dem man sie anklagte. Und da es so aussah, als wenn sie die einzige Person gewesen war, die zur Tatzeit sich auf dem Anwesen befand, würde man sie vermutlich wegen Mordes verurteilen und ins Gefängnis stecken.

Alan wusste nicht warum, aber er hatte das Gefühl, dass Katrin am Tod ihres Bruders unschuldig war. Er hoffte inständig, damit nicht falsch zu liegen, als er ihr seine Hilfe anbot. Um sich ganz sicher zu sein, blickte er ihr tief in die Augen und fragte sie eindringlich, ob sie etwas mit dem Mord zu tun hätte. Katrin beteuerte glaubwürdig, dass sie zwar von nichts, was in den letzten Stunden passiert war, eine Ahnung, sie aber unter gar keinen Umständen ihren Bruder ermordet hatte. Alan beschloss ihr zunächst zu glauben und machte sich mit Katrin zusammen auf den Weg durch das Haus zu ihrem Schlafzimmer. Gemeinsam überlegten sie auf dem Weg dorthin, wie sie weiter vorgehen wollten. Katrin schlug vor, den Tatort auf Spuren zu untersuchen, die eventuell von dem oder den Tätern zurückgelassen wurden. Alan gab zu bedenken, dass er kein ausgebildeter Polizist oder Spezial Agent sei. Daraufhin grinste Katrin ihn an und erklärte, die Archäologie sei auch nichts anderes als die Suche nach Spuren. Nur, dass die Leichen viel älter waren.

Doch leider nützten ihre archäologischen Fähigkeiten den beiden nichts. Wer auch immer diesen Mord ausgeführt hatte, war beim Verlassen des Tatortes sehr gründlich gewesen. Die beiden fanden nicht einen einzigen brauchbaren Hinweis auf die Täter. Alan bat Katrin darum, ihm noch einmal genau zu beschreiben, was sie nach dem Aufwachen gesehen hatte. Während Katrin dies tat, deckte Alan den Leichnam erneut auf und betrachtete den toten Körper. Plötzlich fiel ihm etwas auf, was er beim ersten Mal nicht gesehen hatte. Auf Michaels Brust waren einige geometrische Zeichen zu sehen. Schnell holte er sein Notizbuch aus der Tasche und begann damit, die Zeichen abzuzeichnen. Katrin trat näher an ihn heran, um zu sehen, was er dort machte. Erst jetzt fielen auch ihr die Zeichen auf. Sie fragte Alan was das bedeutet, aber der konnte ihr keine Antwort darauf geben.

Nachdem die beiden sich wieder in der Küche eingefunden hatten, fiel Katrins Blick auf eine Zeitung, die auf der Ecke der Arbeitsplatte lag. Aus purer Gewohnheit griff sie danach und schaut auf das Datum. Plötzlich wurde ihr Gesicht kalkweiß. Sie fragte Alan, ob das die Zeitung vom heutigen Tage wäre. Alan bestätigte das. Er hatte die Zeitung mit hereingebracht, als er heute Morgen das Haus betrat. Katrin fragte sofort nach, wie spät es sei. Alan deutet auf eine Uhr an der Wand. Katrins Blick folgte dem Zeigefinger. Hektik und Panik brachen bei ihr aus. In schnellen Worten erklärte sie Alan, dass sie umgehend nach Edinburgh müsste, wo sie in zwei Stunden einen Vortrag auf der Konferenz halten sollte. Alan war ein wenig verwirrt über die Tatsache, dass Katrin, die heute Morgen erst ihren Bruder tot aufgefunden hatte, dies jetzt scheinbar völlig verdrängte, und zu ihrer Konferenz wollte. Trotzdem bot er ihr an, sie dorthin zu fahren. Doch Katrin war schon in Gedanken mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Ihr war auf einmal klar geworden, dass ihr drei Tage in ihrem Gedächtnis fehlten. Doch davon erzählte sie Alan nichts – noch nicht.


Renaissance 2.0

Nuhåven

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Kapitel 1



'Staatliche Heilanstalt für Kinder und Jugendliche' stand auf dem Schild rechts neben dem Stahltor. Dicke, meterhohe Betonmauern führten rechts und links davon weg, scheinbar ohne Ende.

Ein riesiger Monitor zeigte erwachsene Frauen und Männer, die geehrt wurden. Dazu hörte man bei jeder einzelnen Person 'Die Mutter von ...' oder 'Der Vater von ...'. Danach Filmszenen von der Festnahme einzelner Kinder und Jugendlicher. Straßenkinder. Jugendliche Widerstandskämpfer, im Film Renegaten genannt.

Vor dem Monitor eine große Anzahl Kinder und Jugendlicher. Wächter mit Elektroschockern, die darauf achten, dass alle sich den Film ansahen.

Dann eine neue Szene. Ein Soldat, der über ein totes Feld lief. Dazu die Worte: 'Der Vater von Jikav. Ein Feigling und Deserteur, der das Mutterland unserer geliebten sozialdemokratischen Bundessenatorin Mår-quell verraten hat. Tot, elendig verreckt an den Folgen des Krieges. Die Gerechtigkeit hat gesiegt.'

Eine weitere Szene. Eine Frau umringt von Regierungsbeamten und Proteqtoren. Dazu die Worte: 'Die Mutter von Jikav. Ebenfalls eine Verräterin an unserer geliebten sozialdemokratischen Bundessenatorin Mår-quell. Sie wollte verhindern, dass es dem Volk besser geht. Tot, auf der Flucht erschossen. Die Gerechtigkeit hat erneut gesiegt'.

Die nächste Szene: Ein Junge wird abgeführt. Er wehrt sich heftig. Er greift nach einem schweren Gegenstand und prügelt auf den Mann ein, der ihn abführen will. Der Junge trifft den Mann immer und immer wieder, bis dieser reglos am Boden liegt.

Der Monitor erlischt und der Junge aus dem Film wird nach vorne geholt.

Der Monitor leuchtet wieder auf. Eine Frau mit einer Kurzhaarfrisur mit Pony erscheint. Sie sieht alt aus. Von ihren Mundwinkeln ziehen sich zwei tiefe Falten bis hinunter zum Kinn, wie bei einer Marionette.

'Dieser Junge ist schlimmer als ihr alle zusammen. Seine Eltern sind schlimmer als all eure Eltern zusammen. Er ist der Untergang unserer wundervollen sozialdemokratischen Zivilisation.'

Der Junge stößt einen lauten und hohen Schrei aus. Seine ganze Wut und Enttäuschung, seine gesamte Energie steckt in diesem einen einzigen Laut. Und er nimmt kein Ende, bis sein Gesicht rot anläuft. Die Anwesenden halten sich die Ohren zu, taumeln umher, versuchen diesem Geräusch zu entkommen, während die Bundessenatorin im Film immer weiter spricht. Dann, noch bevor all die Kinder, Jugendlichen und ihre Wächter kraftlos und blutend zusammenbrechen, explodiert die Mauer zur Außenwelt mit einem ohrenbetäubenden Knall.


Mit weit aufgerissenen Augen und keuchendem Atem schreckte er hoch. Sein Kopf zuckte nach rechts und links, hoch, seitwärts, runter. Alles zur selben Zeit. Panisch tastete er um sich. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Seine Hände erkundeten die Umgebung. Er spürte glatte Wände, einen rauen, verdreckten Boden. Dann tastete er seinen Oberkörper ab. Ein heftiger Ruck erschütterte sein Gleichgewicht und warf ihn wieder zu Boden. Orientierungslos und panisch blickte er sich um. Seine Augen konnten die Dunkelheit nicht durchdringen. Lediglich ein einziger Lichtstrahl, der durch eine Luke weiter vorne im Dach eindrang, erhellte seine Umgebung. Der Teenie lag auf dem Rücken, der durch den Aufprall etwas schmerzte. Nicht schlimm, aber ärgerlich. Der Ruck hätte wirklich nicht sein müssen. Vorsichtig stemmte der Jugendliche sich verwirrt hoch. Zunächst auf die Ellenbogen, dann auf die Handflächen. Sitzend erkundete der Junge mit den Händen seine direkte Umgebung ein weiteres Mal. Rechts und links neben sich fühlte er erneut die glatten Wände, die sich bei näherer Betrachtung scheinbar als Kisten aus Plastik entpuppten. Der Teenie versuchte diese neue Erkenntnis zu verarbeiten und eine Lösung dafür zu entwickeln, wo er sich befand und was der Ruck zu bedeuten hatte. Die bis dahin wenigen gesammelten Informationen brachten ihn jedoch nicht weiter. Langsam stand der Junge auf. Sich immer noch an den Kisten entlangtastend ging er vorsichtig einige Schritte den Gang entlang, in dem er sich befand. Immer wieder fragte er sich, was dies sein könnte. Plötzlich waren da auf einer Seite keine Kisten mehr. Er stand jetzt unter der Luke. Allem Anschein nach war es Nacht, denn er konnte über sich nur ein dunkles Blau ausmachen. Keine Sterne. Nichts. Gefühlt war da aber noch etwas anderes. Etwas, das dann doch Licht spendete. Genügend Licht, dass der Junge Schemen eines Tors oder etwas das dem ähnlich war, sehen konnte. Während er vollkommen ratlos da stand hörte er auf einmal Stimmen.

"Wir sind da. Waggon 29/8522-54. Holen wir erst einmal die Ladeliste von hinten und vergleichen sie. Dann gehen wir rein."

Panik stieg in ihm hoch. Ein weiteres Mal zuckte sein Kopf in alle Richtungen. Die Stimmen kamen immer näher. Verzweifelt suchte er ein Versteck. Der Teenie zog einen Turm aus Kisten vor, schlüpfte dahinter und zog diese dann so dicht wie möglich wieder an seinen Körper heran. Dann wartete er. Die Stimmen gingen weiter. Erleichtert atmete er auf. Nach wenigen Sekunden wurde das Tor unerwartet mit einem lauten Rattern aufgerissen. Paralysiert hielt er den Atem an. Durch einen kleinen Schlitz konnte der Junge beobachten, wie zwei Männer das Innere betraten.

"Also gut", sagte die Stimme, die auch schon vorher gesprochen hatte. "Du gehst nach links. Ich nach rechts. Hier sind deine Papiere. Du brauchst nicht jede einzelne Kiste zu kontrollieren. Mach einfach Stichproben. Das reicht schon. Sonst dauert das die ganze Nacht, bis wir hier alles durchgegangen sind und ich will heute früh nach Hause."

"Hmm", war das Einzige, was der andere von sich gab. Dazu nickte er mit dem Kopf, dann trottete er missmutig nach links, den Gang hinunter.

Angst und Nervosität machten sich bei dem Jugendlichen breit. Hektisch überlegte der Teenager, wie er dieser Situation entkommen konnte. Die Männer bewegten sich von ihm weg. Der Jugendliche wartete noch, dann schob er den Turm langsam von sich weg. Millimeter um Millimeter. Nur kein Geräusch machen, dachte er sich. Als der Zwischenraum breit genug war, hielt er inne, lauschte und quetschte sich schließlich hinter den Kisten hervor. Mit einem letzten Blick in das Innere sprang der Junge durch das Tor.

Er landete im Gras. Verwundert griff er nach den Halmen und ließ sie durch seine Finger gleiten. Gras und Erde? Der Teenie war verwirrt. Warum sollte ein Zug mitten im Nirgendwo halten. Die Verwirrung hielt nicht lange an. Sein Herzschlag lag weit über dem Normalen. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er verschwinden musste. Schnell bewegte er sich von dem Ort weg und suchte nach Deckung. Etwas weiter war ein vertrockneter Busch, hinter den der Jugendliche sich kauerte. Dann betrachtete er den Güterwaggon, aus dem er gesprungen war. Dieser schimmerte leicht bläulich. Auf seiner Seite standen in großen, fetten Buchstaben die Worte ORGANIKA AGRICULTURAE. Allerdings hatte der Waggon seine besten Tage schon längst hinter sich. Das bestätigten diverse Rostflecken und Beulen, sowie die abblätternde Farbe der Schrift.

Er war also mit einem Zug hierhergekommen, dachte der Junge. Er konnte sich nicht daran erinnern, wie er in diesen Waggon gekommen war. Sein Blick wanderte umher. An einigen anderen Stellen standen noch andere Züge wie der Seine. Einige wurden entladen, andere rangierten auf den vielen Gleisen, die der Teenie in der Dunkelheit gerade noch zu erkennen glaubte. Jetzt fiel ihm auch die Bogenlampe neben dem Waggon auf, die das bisschen Licht durch die Dachluke gebracht hatte und für das bläuliche Schimmern zuständig war. Er machte sich im Schutz des Busches so klein wie möglich. Mit seinen ... Seine Gedanken setzten kurz aus. Wie viel Jahre? Er überlegte, wie alt er war. Doch er hatte keine Ahnung. Er strengte sich immer mehr an, wollte es unbedingt herausfinden. Es nützte nichts. Dann versuchte er sich an seinen Namen zu erinnern. Auch das konnte er nicht. Schlagartig waren da wieder Stimmen, die näher kamen und ihn aus seiner Verzweiflung rissen. Er durfte hier nicht entdeckt werden. Der Junge sprang auf und versuchte von den Stimmen zu entkommen.

"Hast du das gesehen?", fragte der eine Mann.

"Was meinst du?"

"War da nicht eben ein Schatten?", wollte sich der erste Mann vergewissern.

"Und wenn schon. Wen interessiert das schon?", antwortete der andere Mann gelangweilt.

Der Junge wollte möglichst schnell eine große Distanz zwischen sich und die Stimmen bringen. Dabei versuchte er die Orientierung nicht zu verlieren, was bei der Dunkelheit nicht einfach war. Zu seiner Linken befand sich ein großes, hell erleuchtetes Areal mit hektischer Betriebsamkeit. Dort wurden Container mit Spezialkränen von den Güterwaggons auf schwere Lastkraftwagen verladen. Andere Waggons wurden mit Gabelstaplern geleert, die ihre Paletten auf Förderbänder abstellten, welche dann die Ware in das Innere eines riesigen Gebäudekomplexes transportierten.

Er drehte sich wieder um und lief in die entgegengesetzte Richtung weiter. Plötzlich verhakte sich sein Fuß in etwas am Boden. Der Teenie schlug der Länge nach hin. Dabei prallte sein Brustkorb auf einen Schienenstrang. Wenn er gekonnt hätte, wäre ein lauter Schrei aus seiner Kehle entwichen. Doch der Aufprall hatte ihm sämtliche Luft aus den Lungenflügeln gepresst. Betäubt blieb er einige Augenblicke so liegen. Der Schmerz in seinem Brustkorb war unerträglich. Er versuchte erst leicht dann immer intensiver einzuatmen. Bei jedem tiefen Atemzug stachen tausend Messer in seine Lunge und die Brustmuskulatur. Erst nach einigen Minuten wagte der Jugendliche es aufzustehen. Solche Schmerzen hatte er noch nie empfunden, glaubte er zumindest. Er dachte kurz darüber nach, bevor er sich selber fragte, wie er überhaupt hierhergekommen war. Innerlich hoffte er, dass nichts gebrochen war. Sollte etwas seine Lunge durchbohrt haben, wäre das sein Ende.

Langsam, mit leicht nach vorne gebeugtem Oberkörper, die Hände auf die Oberschenkel gestützt ging er vorsichtig in die Richtung weiter, die er scheinbar schon vor Stunden eingeschlagen hatte. Von Zeit zu Zeit legte er dabei eine Hand auf den Brustkorb. Dabei bemerkte er auf einmal, dass sein Oberteil an einer Stelle feucht war. Der Junge versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Das war nicht möglich. Er strich mit einem Finger über die nasse Stelle und leckte diesen dann ab. Was er da schmeckte, war eisenhaltig. Blut.

Panik kroch in ihm hoch. Erneut tastete er über seinen Brustkorb. Er suchte an der blutenden Stelle nach einer Erhebung, einem Knochen, der die Haut durchstoßen hatte. Zu seiner Erleichterung fand er nichts dergleichen. Scheinbar war es wohl eher eine Platzwunde oder ähnliches, aus der er blutete. Langsam richtete er sich auf, um wieder in einer normalen Gangart voranzukommen. Da das Gelände uneben war, stolperte der Jugendliche mehr durch das Gras, was ihn öfters straucheln ließ, als dass er gehen konnte.

Irgendwann hörte der Teenie laute Motorengeräusche, welche scheinbar von rechts kamen und nach links verschwanden. Dann ein weiteres. Diesmal von links nach rechts. Dann noch eins. Der Junge blieb unsicher stehen. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, was das zu bedeuten hatte. Erst allmählich wurde ihm klar, es musste eine Straße sein. Die Motoren waren die Fahrzeuge darauf. Seine Schritte steigerten sich und sein Tempo wurde schneller. Endlich erreichte er den Rand des Geländes und stand vor einem zweieinhalb Meter hohen Zaun. Seine Zuversicht, die noch vor wenigen Minuten in ihm aufgestiegen war, verließ ihn jetzt innerhalb einer Millisekunde und machte Enttäuschung platz. Erschöpft sank er im Gras auf die Knie. Mit beiden Händen umfasste er die Gitterstäbe im Zaun. Er senkte die Stirn gegen das kalte Metall. Seine Frustration war so groß, dass er noch nicht einmal die Schmerzen in seinem Brustkorb mehr wahrnahm. Übermüdet und halb bewusstlos ließ er sich zu Boden gleiten.


Kapitel 2


Abermals wurde er von dem Schrei und der Explosion aus seinem Alptraum gerissen. Erneut zuckte sein Kopf in alle Richtungen gleichzeitig, tasteten seine Hände die Umgebung ab. Schließlich blieb er mit weit aufgerissenen Augen und heftigen, kurzen Atemstößen sitzen. Das Metall in seiner Hand war kalt und dünn. Langsam dreht er den Kopf und erkannte einen Zaun. Auf der anderen Seite war eine Straße mit Beleuchtung. Erstaunt fragte sich der Junge, wo er war. Er fand keine Erklärung dafür, warum er zwischen einem Busch und einem Zaun lag. Noch weniger konnte er sagen, wie er dort hingelangt war. Der Teenie ließ seien Blick schweifen. Auf der Straße war reger Verkehr zu beobachten. Aufgrund der Dämmerung musste es früher Morgen sein. Er schaute von der Straße weg in die entgegengesetzte Richtung. Dort befand sich ein riesiges Gelände, dessen Funktion er nicht erahnen konnte. Irgendetwas sagte ihm jedoch, dass er dort nicht hin wollte. Seine Augen folgten dem Zaun nach oben. Der Junge schätzte die Höhe auf zweieinhalb Meter. Er stand auf, griff nach der obersten Querstrebe, die er erreichen konnte – und ein heißer Schmerz durchstieß seinen Brustkorb. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Der Teenie ließ die Querstrebe wieder los und tastete seine Brust ab. Er betrachtete sich den tief dunkelblau verfärbten Striemen, der quer über seinen Thorax verlief. Ungläubig grübelte der Junge darüber nach, wie er an diese Verletzung gekommen war. Seine Erinnerung stieß immer weiter ins Leere. Ohne eine Antwort gefunden zu haben, versuchte er es ein weiteres Mal den Zaun zu erklettern, da er dies für das einzig richtige hielt. Auch, wenn er es nicht begründen konnte.

Es dauerte eine geraume Zeit, bis er unter den starken Schmerzen den oberen Rand erreicht hatte. Mühsam quälte der Junge sich darüber hinweg. Da die Querstreben auf der Innenseite des Zauns angeschweißt waren, fehlte ihm auf dieser Seit jedweder Halt für Füße und Hände. Weshalb er mehr rutschte und fiel, als dass er kletterte.

"Na, Kleiner. Wo kommst du denn her?", sprach ihn ein Jugendlicher an. Auch wenn seine Erinnerung gleich Null war, sein Gefühl arbeitete noch perfekt. Und dieses Gefühl sagte ihm, dass er in Schwierigkeiten war.

"Was ist los", fuhr ihn der Jugendliche an. "Kannst du nicht reden oder willst du nicht?" Noch bevor der Teenie antworten konnte, wendete sich der Straßenjunge an seine Begleiter.

"Ich glaube, der feinen Herr braucht mal eine Lektion in Sachen Manieren. Dafür sind wir doch bestens geeignet. Oder was meint ihr?" Seine Begleiter grinsten und schlugen ihre Fäuste in die Handflächen. Der Junge wusste genau, dass er sich jetzt so schnell es nur ging, von den Dreien entfernen musste. Doch die standen um ihn herum. Mit dem Zaun im Rücken war dem Jungen damit jeder Fluchtweg verschlossen. Trotzdem versuchte er es und wurde prompt von zwei starken Armen daran gehindert. Was dann folgte, war eine wilde Schlägerei, bei der er nicht die geringste Chance hatte. Er versuchte sich so gut es ging vor den Schlägen zu schützen. Das war aber auch schon alles, was er konnte.

Wie er so am Boden lag, mit Blut im Gesicht, Schmerzen in Brust und Bauch, begann er irrwitziger Weise die Passanten zu zählen, die an ihm vorbeigingen, ohne ihn zu beachten oder gar zu helfen. Der eine hielt ihn für drogenabhängig, der Nächste für einen Alkoholiker, der Dritte für die größte Schande der Menschheit. Nach einer unbekannten Zeit ließen die Schmerzen etwas nach, sodass er aufstehen konnte. Wie ein Betrunkener stützte sich der Teenie an dem Zaun mit einer Hand ab, während er versuchte die Straße entlangzugehen. Die Menschen, die er passierte, ekelten sich vor ihm und riefen wüste Beschimpfungen hinter dem Jungen her, der nichts für seinen Zustand konnte. Nach einigen hundert Metern versperrte eine am Zaun befestigte dunkelgrüne Plane den Weg. Sie war mit zwei Eisen schräg im Boden festgemacht. Davor stand eine hochgeklappte Palette, die wie eine Tür mit Kabelbindern als Angel am Zaun festgemacht war. Das Ganze erinnerte weitestgehend an ein provisorisches Zelt. Er schaute durch die Zwischenräume des Holzkonstruktes ins Innere. Dort lag eine weitere Palette am Boden. Auf ihr eine alte, vergammelte Matratze. Der Teenie schaute sich um. Niemand kümmert sich um das, was er dort trieb. Er schob die Palette zur Seite, betrat den kleinen Raum und zog dann die hölzerne Transporthilfe wieder zu. Erschöpft ließ er sich auf die Matratze fallen. Nach und nach betastete er seine schmerzenden Körperteile. Dabei fand er die ein oder andere Stelle die mehr oder minder blutete. Dass er dabei Dreck in die Wunden rieb, kam ihm nicht in den Sinn. In was für eine Welt war er hier nur geraten? Er versuchte sich daran zu erinnern, ob da, wo er herkam, die Menschen genauso grässlich waren. Doch diese Frage blieb unbeantwortet, da ihm klar wurde, er wusste überhaupt nicht, wo er hergekommen war. Sein Alter, sein Name, seine Herkunft, seine Eltern. Da war einfach nur eine unendliche Leere. Ihm wurde schwindelig. Übelkeit machte sich in dem Jungen breit. Dann Dunkelheit.


"Hey! Verschwinde hier! Das ist mein Platz. Oder glaubst du, ich habe mir all die Mühe gemacht die Sachen hier zusammenzutragen, nur damit so ein Penner, wie du, hier herumlungert?"

Diesmal war es nicht der Schrei aus seinem Alptraum, der ihn hochriss, sondern der Jugendliche, der vor ihm stand. Seine erste Reaktion war es, in Panik sich so weit wie möglich von der Person zu entfernen, die so herrisch auf ihn einbrüllte. Wie ein Käfer auf dem Rücken liegend schob sich der Teenie immer weiter in die Ecke. Der Jugendliche beobachtete ihn dabei. Der Junge konnte nicht sagen, ob der große Kerl wirklich wütend war. Das Licht seiner Taschenlampe blendete den Teenie, sodass er nur einen vagen Umriss erkennen konnte. Auf einmal wanderte der Lichtkegel an ihm runter und wurde kleiner, als der Unbekannte auf ihn zukam.

"Was ist denn mit dir passiert?", fragte die Stimme jetzt erstaunt und vielleicht auch ein wenig besorgt. "Du siehst ja aus, als hätten sie dich in die Presse gestopft." Es entstand eine Pause. "Du musst neu hier sein. Ich hab dich noch nie zuvor in der Gegend gesehen. Und ich kenne fast jeden. Wie heißt du?"

Er war sich nicht sicher, was der plötzliche Wandel zu bedeuten hatte. Misstrauisch beäugte er den Fremden, der mittlerweile die Taschenlampe wie eine Deckenleuchte aufgehängt hatte. Er war eindeutig größer als der Teenie und auch nicht so schmächtig. Dafür aber genauso dreckig. Sein Gesicht wurde von einem leichten Bartwuchs verziert. Die Kleidung war nicht so heruntergekommen, wie man vielleicht glauben sollte. Eigentlich sah er harmlos aus, aber der Junge traute ihm trotzdem nicht.

"Entschuldige bitte, dass ich vorhin so harsch war. Um hier auf der Straße überleben zu können, muss man laut und auch aggressiv sein. Sonst machen dich die anderen fertig. Ich bin übrigens Veizs. Und wie ist dein Name?"

Der Junge dachte noch einige Momente über das Gesagte nach, bevor er sich traute etwas zu erwidern. Doch was sollte er erzählen? Er wusste ja nichts.

"Ist schon gut", ermunterte ihn Veizs. "Wir können morgen darüber reden."

"Nein, das ist schon in Ordnung. Nur …", er zögerte. "Ich weiß nicht, wer ich bin."

"Was meinst du damit, du weißt nicht, wer du bist?" Veizs war vor Erstaunen fast die Kinnlade heruntergefallen.

"Ich habe wohl keine Erinnerung. Alles ist so leer."

"Woran kannst du dich denn noch erinnern?", wollte der Jugendliche neugierig wissen. Etwas Ähnliches hatte er noch nie erlebt.

"Dass du mich angeschrien hast."

"Und davor? Erinnerst du dich noch daran, wie du in meinen Unterschlupf gekommen bist?" Es entstand eine lange Pause, in der der Junge suchend umherschaute.

"Nein."

Jetzt klappte Veizs die Kinnlade runter. Mit weit geöffnetem Mund stand er da und überlegte. Da er zu keinem Ergebnis kam, schüttelte er den Kopf und betrachtete sich dann die Wunden, die der Junge offensichtlich unter seiner Kleidung hatte.

"Du meine Güte", stieß er laut aus. "Bist du von einem Bus überfahren worden?" Er stockte. "Du weißt, was ein Bus ist, oder?"

"Ja, das weiß ich. Und ja, vielleicht. Jedenfalls fühle ich mich so. Da hast du recht."

"Einige der Wunden sehen übel aus. Schlaf dich erst einmal aus. Wir seh'n uns das am Morgen noch einmal genauer an."

Bei dem Gedanken an Schlaf mischte sich Freude mit Unsicherheit. Der Junge benahm sich zwar nett und höflich, nachdem er ihn so angeschrien hatte. Trotzdem sagte ihm sein Bauchgefühl, er solle sich nicht zu sehr auf diesen Veizs einlassen. Er war ein Straßenjunge. Und auch, wenn er nicht wusste, wo er war, Straßenkinder waren überall nur an einer Sache interessiert. Überleben. Was also sollte er jetzt machen?

"Neniu", sagte Veizs plötzlich aus dem Nichts heraus und unterbrach somit die Gedanken des Teenie.

"Was meinst du?", fragte der verwirrt zurück.

"Dein Name. Wir nennen dich von jetzt ab Neniu. Das heißt soviel wie Unbekannter."

"Wenn du meinst. Das habe ich sowieso wieder vergessen, wenn ich nachher aufwachen sollte."

"Gib mir deine Hand", forderte Veizs ihn auf. Der Junge war sich nicht ganz sicher, ob er das wirklich machen sollte. Doch da griff der Jugendliche schon nach ihr und schrieb etwas mit Kugelschreiber auf den Handrücken: Mein Name ist Neniu.

"Das Lesen hast du doch hoffentlich nicht auch vergessen?", erkundigte er sich jetzt.

"Nein, auch das kann ich noch. Es sind nur die Dinge, die ich erlebe. Nach kurzer Zeit sind sie weg."

"Das muss verdammt schwer für dich sein. Wie kommst du damit klar?"

"Wie soll ich schon damit klar kommen? Überhaupt nicht. Du siehst, ich bin über und über mit blutenden Wunden, blauen Striemen und noch einigen anderen Dingen übersät und habe nicht die geringste Ahnung, wie es dazu gekommen ist. Ich erinnere mich noch nicht mal daran, ob ich schon immer hier gelebt habe. Und, wenn ja, habe ich dann schon immer auf der Straße gelebt. Was ist passiert, dass ich kein Zuhause habe?"

Veizs nickte zustimmend. Er konnte Nenius Situation zwar nicht vollkommen nachempfinden, wie er sich fühlte, aber er konnte es sich grob vorstellen. Und das reichte ihm schon. Für ihn war es wirklich schwer genug auf der Straße zu überleben. Er war kein harter Kämpfer oder so, der sich überall durchsetzen konnte. Dafür konnte er sich wenigstens jeden Tag daran erinnern, wem er aus dem Weg gehen sollte. Veizs überlegte angestrengt, wie er Neniu helfen konnte. Er hatte einige Freunde, die wiederum Freunde kannten, die Freunde kannten. Möglicherweise konnte einer von ihnen dem Jungen helfen. Nur wen oder was brauchte Neniu? Einen Arzt. Das war deutlich. Und den brauchte er nicht nur wegen seiner Wunden am Körper, sondern auch wegen seiner Wunden an der Seele und im Kopf.

Während er so überlegte war Neniu eingeschlafen. Veizs verließ den Unterschlupf, um an der frischen Luft weiter nachzudenken. Auf der Straße lag eine halb gerauchte Zigarette, die noch glimmte. Er nahm sie gedankenverloren auf und rauchte sie zu Ende. Dabei dachte er an seine Familie, die von den Proteqtoren vollständig ausgelöscht wurde. Und das nur, weil sie über die Asylpolitik der Mår-quell diskutiert hatten. Sie hatten lediglich die Frage in den Raum gestellt, wer nach dem kostspieligen Krieg die Gelder dafür aufbringen sollte, die Assylanen zu versorgen. Und was mit all den anderen Menschen ist, die schon vor der Flutwelle an Flüchtigen nicht mehr überleben konnten. Und dann war da noch seine jüngere Schwester, die einige dieser Asylaken mehr als nur bedrängt hatten. Und wer war gegen die vorgegangen? Niemand. Damals hatte er sich geschworen, den Tod seiner Familie zu rächen. Doch sein Ziel, bei den Renegaten aufgenommen zu werden, war nicht in Erfüllung gegangen. Sie hatten zwar sein Potenzial erkannt. Sie hatten aber auch seine Wut gesehen, die einfach fehl am Platz war. Damals war er frustriert und aufgebracht davon gegangen. Er hatte sogar damit gedroht den Standort, an dem man mit ihm das Interview geführt hatte, an die Proteqtoren zu verraten. Doch das hatte er nie getan. Denn bereits kurze Zeit, nachdem er sich beruhigt hatte, musste sich Veizs eingestehen, er hätte nicht anders gehandelt. Das war jetzt über drei Jahre her. Vielleicht sollte er sich noch einmal bei ihnen vorstellen. Der Schmerz über den Verlust seiner Familie war jetzt auch älter als drei Jahre und zerfleischte ihn nicht mehr so, wie damals.

Wie zur Bestätigung seiner Gedanken über die Renegaten, hörte er irgendwo in der Stadt eine Explosion. Er lächelte zufrieden. Nicht weil er an seinen Vater, die Mutter und die beiden Schwestern dachte, sondern, weil jemand versuchte, die Regierung zu entmachten. Diese Regierung mit Mår-quell an der Spitze hatte nicht nur ihm weh getan, sie würde noch viel mehr Menschen leiden lassen. Ohne dabei jemals selber Leid zu erfahren. Irgendwann würde jemand kommen, der den Angriff auf die Hauptstadt leitet und koordiniert. Ein Angriff, dem die Regierenden und die Reichen nichts entgegenzusetzen hatten.


Rezensionen,

die Spiegel eines jeden Buches

Buchrezension (Werbung*): Renaissance 2.0 - Cetian (Fantasy)


von Sanda Rusche (Buchbloggerin)

"Das Buch fängt ziemlich gewaltvoll an, was aber nicht unbedingt schlecht ist. So ist die Spannung schon im Anfang drin.
Es beschreibt die gefährliche Reise eines Jugendlichen, der nicht weiß, wer er ist. Wodurch eine mörderische Jagd beginnt, in der niemand weiß, wieso der Junge gejagt wird.
Doch er hat viele nette Personen an seiner Seite und erfährt auch viel von diesem. Richtig spannend wird es, als er herausfindet, wer er wirklich ist und wieso er den Gedächtnisschwund erleidet. Ein sehr schöner Wendepunkt der Geschichte. Außerdem werden "Asylaken" verabscheut und Reich und Arm sind abgegrenzt, vor allem durch die Einstellung der Politik, bei der alle Reichen reicher werden und die Armen vergessen werden sollen. An sich eine sehr schöne Geschichte über wichtige Themen (Findung seiner selbst/Politik). Ich hang förmlich an diesen Buch, weil es mich so gefesselt hat.
Es lohnt sich auf jeden Fall."
Erhältlich aufAmazon

(Ebook/Taschenbuch)

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