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Summerwine

Ein Martinique St. Claire Roman

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Rennes-le-Chateau


Teil 1


Kapitel I

Das kleine Gewölbe wurde von vier Fackeln beleuchtet, die mehr Schatten spendeten als Licht. Auf dem Tisch lag ein Mann. Seine Arme und Beine waren mit gepolsterten Lederriemen auf der Tischplatte festgeschnallt. Das Gleiche galt für seinen Oberkörper. Es war ihm unmöglich sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Ein dünner Plastikschlauch endete in einer Nadel in seinem linken Arm. Daran angebracht, eine Flasche mit einer klaren Flüssigkeit. Etwas weiter unten war ein weiterer Zugang in den Schlauch eingelassen, in dem sich eine Spritze mit einer dunklen, roten Flüssigkeit befand.

Wie aus dem nichts erschien eine stattliche Person hinter dem Tisch. Ihre dunkle Kapuze, die sie tief ins Gesicht gezogen hatte, erlaubte es nicht das gespenstische Grinsen zu zeigen, das ihre Mundwinkel umspielte. Sie trat neben das Kopfende des Tisches. Mit einem kräftigen Ruck wurde das Rad gedreht. Der Mann schrie laut auf. Ein Windzug ließ die Flammen der Fackeln für einen Augenblick flackern. Erneut drehte die Person an dem Rad. Ein weiterer Schrei brach sich an den Wänden des Gewölbes. Trotzdem der Raum nur klein war, hallte das Echo wieder, als wäre man in den Bergen. Das Stroh auf dem Boden knisterte unter den Füßen der Person, die nun um das Kopfende des Tisches herum auf die linke Seite kam, sich herunterbeugte, bis der Mund neben dem Ohr des Mannes war und leise flüsterte: "Wer ist es? Ich weiß, dass Sie es mir sagen wollen. Sagen Sie es mir und der Schmerz ist vorbei."

Der Mann auf der Streckbank sagte kein Wort. Trotz seiner Schmerzen im Rücken brachte er ein hässliches Grinsen zustande. Dann holte er tief Luft. "Was für Schmerzen?", fragte er.

Der Mann ging zu dem Gestell mit der Flasche und drehte den Hahn zu. Danach nahm er eine Spritze in die Hand und drückte den ganzen Inhalt dem Mann in die Blutlaufbahn. Mit vor dem Körper gefalteten Händen stellte er sich neben die Bank und wartete.

Die Augen des Mannes wurden leicht glasig und groß. Schließlich entspannte sich sein Gesicht und so etwas wie Glückseligkeit machte sich breit. Die Person entschied, es war an der Zeit weitere Fragen zu stellen. Das Wahrheitserum hatte sein Werk begonnen.

"Wer ist es? Und wo sind die gestohlenen Informationen?", zischte die Person unter der Kapuze hervor. Doch der Mann auf der Streckbank schwieg. Auf einmal fing er an zu weinen. Wie ein kleines Kind redete er plötzlich, wie ein Wasserfall und ließ sich auch nicht stoppen. Nichts, von dem was er sagte, interessierte die Person in der Kutte. Erneut drehte sie an dem Rad. Diesmal kam kein Schrei. Stattdessen wurde die Frage wiederholt. Der Mann auf der Streckbank drehte seinen Kopf. Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

"Von mir werden Sie nichts erfahren."

Wutentbrannt drehte der schaurige Kapuzenmann erneut am Rad der Streckbank. Immer und immer wieder stellte er die gleichen Fragen. Das Wahrheitserum hatte scheinbar nicht den gewünschten Erfolg. Aber er hatte noch andere Waffen. Der Inhalt einer weiteren Spritze fand ihren Weg in die Adern des Mannes. Diesmal dauerte es etwas länger, bis das Serum wirkte. Dafür war der Effekt aber um so stärker. Schweiß bildete sich auf dem ganzen Körper des Mannes. Zischend sog der Gefangene zwischen fest zusammengepressten Zähnen die Luft ein.

"Na?", fragte die hämisch klingende Stimme unter der Kapuze, "Wird es langsam heiß?"

"Es ist hier fast so schön wie in meinem letzten Thailandurlaub", quetschte der gequälte Mann zwischen den immer noch zusammengepressten Zähnen hervor.

"Dann wollen wir Ihnen mal einen wunderschönen Psychotrip schenken. Vielleicht sind Sie ja dann bereit, meinen Fragen zu beantworten." Er griff nach der dritten Spritze, die hinter ihm auf dem kleinen Tisch lag, und drückte sie in den Zugang von dem Schlauch. Die Bewegungen auf dem Tisch wurden hektisch. Der Mann versuchte sich von der einen auf die andere Seite zu wälzen, seine Beine und Arme an sich zu ziehen, sich zu befreien. Man konnte fast annehmen die Kombination aller Seren würde in ihm jetzt den unglaublichen Hulk erwecken, so sehr strengte er sich an.

Plötzlich wendete er sich an seinen Peiniger.

"Sie sollten mal wieder in die Kirche gehen, ha ha haaa ..."

Er drehte und wendete sich, bis ein lautes Knacken zu hören war. Der Mann auf der Streckbank fiel auf die Platte zurück und regte sich nicht mehr. Es trat eine absolute Stille ein.


Kapitel II

Blanchard saß in seiner kleinen Wohnung in Paris und blickte erwartungsvoll in Richtung seines Gesprächspartners, der sich erst vor wenigen Minuten eingefunden hatte. Auf dem Tisch vor ihm lagen mehrere aufgeschlagene Bücher über Rennes-le-Chateau und den Abbé Bérenger Saunière. Ein Buch fiel dabei besonders auf. Es war mit unzähligen gelben Post-IT-Zetteln gespickt. Der Titel lautete: 'Der heilige Gral und seine Erben'.

Der Raum war mit alten Eichenmöbeln eingerichtet und strömte eine Art altertümliche Gemütlichkeit aus. In den Regalen befanden sich Unmengen an weiteren Büchern. Alle befassten sie sich mit historischen oder mystischen Themen. Der Boden wurde von einem dicken Teppich bedeckt, der jedes Geräusch schluckte und scheinbar auch aus dem vorletzten Jahrhundert stammte. Man konnte jedenfalls annehmen, dass er schon bessere Tage gesehen hatte. Der Ohrensessel, in dem Blanchard saß, stammte aus dem Biedermeier und nahm den meisten Platz in diesem Raum ein.

Durch das Fenster an der Seite fiel nur noch wenig Licht, da die Sonne bereits fast völlig untergegangen war, als Blanchards Gast zu sprechen anfing.

"Ich sehe gerade, Sie haben Lincoln, Baigent und Leigh gelesen. Was halten Sie von deren These?" Während sein Gast weiter sprach, griff Blanchard nach dem Buch mit den Unmengen an Post-IT-Klebern. Es handelte sich um eine deutsche Taschenbuchausgabe, auf der das Wort GRAL in großen, roten Lettern prangte. Er klappte es auf und ließ die Seiten durch seine Finger gleiten. In der Mitte des Buches befanden sich einige schwarz/weiß Bilder, die er sich genauer ansah. "Es würde mich wirklich interessieren, wie Sie über die Chronologie der Ereignisse und die Schlussfolgerungen der drei Autoren denken. Ich bin neugierig, ob sich Ihre Meinung, mit der meinen deckt", fuhr sein Gast fort.

"Ehrlich gesagt bin ich mir nicht so sicher, was ich von den Aussagen der drei Autoren halten soll. Sicherlich haben sie die geschichtlichen Daten korrekt wiedergegeben. Auch die zeitlichen Abläufe sind stimmig. Die Namen, Daten, Orte, Kriege. Alles richtig. Doch das, was zwischen den Zeilen steht, darüber bin ich mir nicht sicher. Was davon Dichtung und was Wahrheit ist. Nehmen wir die Albigenserkriege von 1209. Die Daten sind völlig richtig. Dreißigtausend Mann, die vom Norden her in die Languedoc einfielen, um die Katharer zu vernichten, die die Kirche als Ketzer und Häretiker ansah. Auch die Belagerung der Katharerfestung Montségure wird einwandfrei dargestellt. Doch dann beginnen die 'Legenden' zu wirken. 'Glaubwürdigen Berichten zufolge', zitierte Blanchard frei aus dem Buch, 'brachten zwei Parfaits den materiellen Schatz der Katharer – Gold, Silber und Münzen – in Sicherheit …' Wenige Seiten später berichten die Autoren, dass, ich zitiere erneut: vier Parfaits unter Führung eines fünften am sechzehnten März einen Fluchtversuch unternahmen, in dem sie sich am westlichen Steilhang mit Seilen hinab gleiten ließen, um dann aus beträchtlicher Höhe in die Tiefe zu springen, Zitat Ende. Was soll ich davon halten. Zwei Menschen, die einen materiellen Schatz transportieren, wahrscheinlich, da nicht anders erwähnt, auf die gleiche Art und Weise, wie die anderen fünf, drei Monate später. Und was soll dieser andere Schatz sein, den fünf Menschen in Sicherheit bringen wollen. Und was heißt 'aus beträchtlicher Höhe'? Hat überhaupt einer von denen überlebt und ist dort angekommen, wo er hin wollte?", stellte Blanchard die Frage in den Raum.

Erneut breitete sich Schweigen im Raum aus. Blanchard nutzte die Gelegenheit, im Kamin das Feuer neu zu entfachen. Mit dem Schürhaken verteilte er die noch glimmenden Holzreste auf der Bodenfläche, bevor er von der rechten Seite des Kamins neues Holz nach legte. Mit einer Zeitung wedelte er solange Luft zu, bis erneut eine rote Glut entstand. Dann warf er, nach einem prüfenden Blick auf das Datum der Zeitung, diese ins Feuer.

"Ich sehe", überraschte ihn sein Gast plötzlich, "dass wir die gleichen Zweifel haben. Viele der angeführten Beweise lassen sich heute nicht mehr nachprüfen, scheinen Legenden entnommen worden zu sein oder gar lokalen Märchen zu entstammen. Ihr Beispiel ist gut gewählt. Lincoln, Baigent, Leigh behaupten ja, es würden sich um Bücher, Manuskripte, Geheimschriften oder Reliquien handeln, die angeblich nicht früher weggeschafft werden konnten, weil die Katharer, trotz Belagerung noch eines ihrer religiösen Feste feiern wollten. Die Frühlings-Tagundnachtgleiche. Alles schöne Reden, aber keine Beweise."

"Und so geht es immer weiter in diesem sogenannten Sachbuch", unterbrach Blanchard seinen Gast.


* * *


Zur gleichen Zeit, eintausendfünfhundert Kilometer südöstlich.

"Wir haben es", rief der Abt aufgeregt. "Wir haben es endlich gefunden, Eure Eminenz."

Der Mann in der kardinalroten Robe drehte sich langsam um. Durchdringend sah er den Leiter des Klosters an. Er war es nicht gewohnt, dass man unangemeldet in seine Räumlichkeiten eindrang.

"Was", rief er laut und machte eine kurze Pause, während er tief durchatmete, "was haben Sie gefunden", fuhr er schließlich im normalen Tonfall fort.

"Das Objekt, nach dem wir schon so lange gesucht haben, Eure Eminenz. Habt ihr denn unsere Bestimmung vergessen?"

"Natürlich nicht", zischte er den verzweifelt drein blickenden Mönch an. "Wie können Sie es nur wagen … ? Berichten Sie." Mit einem wütenden Ruck drehte er sich um und zeigte seinem Gesprächspartner den Rücken. Er hatte heute schon genug Ärger gehabt. Dieser Mönch hatte besser gute Nachrichten für ihn. Wenn nicht würde er an ihm ein Exempel statuieren – nur um sich zu beruhigen.

"Wir haben endlich die Sammlung des Feindes gefunden."

"Wo ist es?"

"Das wissen wir noch nicht."

"Wie darf ich das verstehen, Prior?"

"Man hat es uns zum Kauf angeboten …?", weiter kam er nicht mehr.

"Man hat was?", unterbrach ihn der Kardinal mit leiser, bedrohlicher Stimme. "Man hat es Ihnen zum Kauf angeboten? Soll das heißen, die ganze Welt weiß von unseren geheimsten Vorhaben? Sind Sie vollkommen wahnsinnig?"


* * *


"Genau genommen", nahm sein Gast das Gespräch wieder auf, "genau genommen, wird es sogar noch besser. Indirekt behaupten die drei Autoren, dass die Katharer ihren geheimen Schatz in einem kleinen Dorf in der Nähe versteckt haben. Ein Dorf mit Namen Rennes-le-Chateau. Dort wurde er von einem Abbé Bérenger Saunière beim Renovieren seines Altars gefunden."

"Ein angebliches Dokument", nahm Blanchard den zugeworfenen Ball auf, "mit einem lateinischen Text aus dem alten Testament, bei dem einige Buchstaben erhöht waren und die den Satz ergaben A DAGOBERT II ROI ET SION EST CE TRESOR ET IL EST LA MORT. Übersetzt: Dieser Schatz gehört König Dagobert II und Zion, und dort liegt er tot. Nur schade, dass das Dokument viel zu neu ist, als dass Saunière dies in seinem Altar hätte finden können. Eine Fälschung. In Auftrag gegeben von einem Hochstapler, der sich selbst als letzter König von Frankreich und direkter Nachkomme von Jesus und Maria sah. Gründer eines Vereins, der erst 1967 gegründet wurde, dessen Großmeister aber unter anderem Leonardo da Vinci gewesen sein soll. Alles dokumentiert durch gefälschte Schriften, die in die französische Nationalbibliothek lanciert wurden und deren Autoren aus der Zeitung und den Todesanzeigen herausgesucht wurden, um den Dokumenten mehr Gewicht zu verleihen, indem man vermuten lässt, die Autoren wären ermordet worden, weil sie Geheimnisse preisgegeben haben."

"Aber Lincoln hat ja in einem Interview gesagt, es wäre nicht wichtig, wann ein Dokument entstanden ist, sondern, was sein Inhalt ist. Anders ausgedrückt, es ist, egal ob das Schriftstück mit den erhöhten Buchstaben älter, als sein Entdeckungsjahr ist, sondern der versteckte Text, ist wichtig. Auch, wenn der ziemlich verwirrend ist. Dagobert II war ein Merowingerkönig, also ein Katharer und Zion ist ein anderer Name für Jerusalem. Was also soll dieser Text uns sagen? Wer liegt tot in Jerusalem? Diese Frage wird nicht beantwortet, aber sie soll der Grund sein, warum Abbé Saunière soviel Geld erhalten hat. Ich denke, was die Autoren Rennes-le-Chateau und seinem Abbé nachsagen, ist falsch. Aber, ich bin überzeugt, dass es in diesem Dorf etwas anderes gibt."


Zur selben Zeit circa eintausend Kilometer nordwestlich in einem abgedunkelten Konferenzraum einer großen Firma. Zwölf Männer in dunkelbraunen Roben betraten die oberste Etage. Die Vorhänge an der Fensterfront waren zugezogen und ließen nur die gedämpften Lichter der Stadt durch, die sich wie unzählige Sterne auf dem Tuch widerspiegelten. Langsam, vom Rascheln der Wollkutten begleitet, begaben sie sich zu den ihnen, seit Jahren, zugewiesenen Stühlen. Einer von ihnen trat an ein Pult und bedeutete seinen Brüdern sich zu setzen und ruhig zu verhalten.

"Es gibt Informationen, dass uns ein herber Schlag bevorsteht. Jemand startet einen erneuten Angriff gegen den Orden. Das Schlimme ist, der Angriff kommt nicht von ungefähr. Scheinbar gibt es Kräfte innerhalb des Ordens, die gegen uns sind. Diese zu finden wird unsere schwerste und größte Aufgabe sein. Wir müssen besonders wachsam sein. Ich erwarte von allen, dass unsere wichtigsten Schwachpunkte geschützt werden. Ich habe erste Anweisungen gegeben, unsere bedeutendsten Güter zu transferieren. Das wird jedoch nicht ausreichen. Jede kleinste Abweichung vom Alltag muss sofort gemeldet und untersucht werden."

"Weiß der Großmeister darüber Bescheid?", fragte eine Stimme aus dem Dunkel heraus.

"Das Problem ist, dass er nicht glaubt, die Informationen könnten uns wirklich Schaden zufügen. Deswegen ist er auch nicht anwesend beim heutigen Treffen. Ich denke da jedoch vollkommen anders."


Mittlerweile war es Nacht geworden. Blanchard und sein Besucher saßen immer noch unbewegt in dem kleinen Zimmer. In dem Kamin knisterte jetzt ein Feuer, das seine wohlige Wärme und eine mystische Atmosphäre verbreitete, da es die einzige Lichtquelle war. Das Schweigen dauerte jetzt schon fast eine Viertelstunde an. Keiner von beiden wollte den Moment mit einem Wort zerstören. Jeder dachte für sich über die letzte Be­merkung nach. Was konnte das Geheimnis dieses Ortes wirklich sein? Gab es überhaupt ein Geheimnis und wenn doch, wer hütete es? Waren die Menschen dort wirklich nur Bauern? Fragen über Fragen, auf die es keine Antworten gab. Blanchard verzweifelte schon seit Jahren an dieser Frage. Viermal hatte er das Dorf bereits besucht und keinen Hinweis gefunden. Und er würde es wieder und wieder tun, bis er das Geheimnis gelüftet hatte.


Kapitel III

Plantin wachte schweißgebadet in seinem Bett auf. Sein Herz raste. Seine weit geöffneten Augen suchten das Zimmer ab. Die Decke, der Kleider­schrank, der Fernseher, die Tür. Alles bekannte Objekte, die ihm in diesem Moment fremd erschienen. Hektisch ruderten seine Arme, warfen Lampe und Wecker vom Nachttisch, bis sie schließlich das Glas mit Wasser fanden. Er trank so hastig, dass er sich verschluckte und husten musste. Sein Blick fiel auf die Bettdecke, die voll mit Blut war. Panisch suchten seine Augen weiter. Kissen und Bettlaken wiesen die gleichen roten Flecken auf. Erneut griff er zum Wasserglas. Rot. Mit einem lauten Aufstöhnen warf er das Glas an die Wand und stürmte aus dem Bett. Wie ein Irrer rannte er im Zimmer umher, bis er sich in einer dunklen Ecke auf einen Stuhl warf und sich einem kleinen, verängstigten Kind gleich, zusammen kauerte. Nach und nach beruhigte er sich. Sein Herzschlag beruhigte sich. Langsam stieg er von seiner Insel der Sicherheit herunter und tastete sich an der Wand entlang, Richtung Lichtschalter.

Grelles weißes Licht erfüllte den Raum und Plantin erkannte den ganzen Tumult, den er angerichtet hatte. Noch nie in seinem Leben hatte er einen derartigen Traum gehabt. Alles erschien völlig real, als hätte er direkt daneben gestanden. Erneut sah er das Blut, das im Zimmer verteilt war. Er blickte an sich herunter und erkannte, dass auch seine Hände und Schlafanzug voll Blut waren. Plantin rannte in neuerlich aufkommender Panik ins Badezimmer, drehte den Wasserhahn auf und spritze sich kaltes Wasser ins Gesicht. Rot. Er blickte in den Spiegel über dem Becken.

Erleichterung machte sich breit. Er musste sich wohl während des Albtraumes auf die Lippen gebissen und Nasenbluten bekommen haben. Erschöpft setzte er sich auf den Toilettendeckel und atmete tief durch. Sein Kopf fiel ihm in die Hände, die Arme mit den Ellbogen auf die Knie aufgestützt. Platin überlegte, woher dieser Traum gekommen sein könnte. Was der Auslöser war. Trotzdem er sich anstrengte, fand er keine Erklärung. Er beschloss am nächsten Tag den Ort aufzusuchen, den er in seinem Traum gesehen hatte. Er hoffte nur inständig dort nicht das zu finden, was er gesehen hatte. Doch seine Hoffnung sollte sich nicht erfüllen.


Kapitel IV

In den letzten Tagen hatten sich dicke Wolken über den Pyrenäen zusammengezogen, die keinen Sonnenstrahl mehr durchließen. Lediglich vereinzelte grelle Blitze erhellten den Tag unter der schwarzen Wolkenmasse. Mit einem lauten Knall schlugen sie in den Boden ein. In dieser Region schien die Welt unterzugehen und alles mit sich nehmen zu wollen, was jemals hier existiert hatte. Unglaubliche Regenmassen hinterließen an einigen Stellen große Seen, die nicht im Boden versickern wollten, weil dieser schon völlig übersättigt war. Die Berge in der Ferne verschwammen mit den tief hängenden Wolken zu einer einzigen schwammigen, schwarzen Masse. Man wurde das Gefühl nicht los, hier würde etwas Höllisches, endgültiges passieren. Armageddon. Vielleicht war all dies nur der Anfang von etwas viel Größerem.

Ein einzelner weinroter Volkswagen Passat CC kämpfte sich in langsamen Tempo auf der verlassenen Bundesstraße durch die schier undurchdringlichen Wassermassen. Das Licht der Scheinwerfer reichte nicht einmal 10 Meter, dann wurde es von der Dunkelheit verschluckt. Vorsichtshalber hatte der Fahrer auch noch die Nebelscheinwerfer und -rückleuchten eingeschaltet. Wie in einer Blase aus schwarzer Watte bewegte sich der Wagen vorwärts. Während sich vor ihm das Unwetter teilte und das Fahrzeug durchließ, schloss es sich hinter dem Wagen wieder und ließ ihn verschwinden. Manchmal schlingerte er, wenn das Fahrzeug durch ein besonders tiefes, mit Wasser gefülltes Schlagloch fuhr. Die Scheibenwischer waren auf höchste Geschwindigkeit gestellt und hatte große Mühe dem Fahrer auch nur den geringsten Durchblick zu verschaffen.

St. Claire hielt das Steuerrad fest mit beiden Händen umklammert und versuchte sich zu entspannen. Seit mehr als einer Stunde fuhr er auf dieser Straße entlang. Die Nadel des Tachometers blieb kontinuierlich auf fünfzig Kilometer pro Stunde. Schneller traute sich der ein Meter achtzig große, kräftige Mann hinter dem Lenkrad nicht zu fahren. Abgesehen davon hatte er es auch nicht eilig sein Ziel zu erreichen. Genau genommen hatte er sich geschworen, nie wieder an diesen Ort zurückzukehren. Doch das ließ sich in diesem Fall nicht vermeiden. Marcel Aurelon hatte ihm den Auftrag erteilt. Und er duldete keine Widerworte. Aurelon war zwar ein harter aber auch gerechter Mann und St. Claire sein Stellvertreter. Deshalb konnte er sich diesem Auftrag auch nicht entziehen. Egal wie viele Erinnerungen damit verbunden waren.

St. Claire versuchte sich erneut auf die Straße zu konzentrieren. Die Musik aus seinem Autoradio brachte ihm so etwas wie Entspannung. Metal. Power-, Speed-, Heavy-Metal. Etwas anderes hörte er nicht. Auch wenn er schon über vierzig Jahre alt war, sein Musikgeschmack würde sich nicht mehr ändern.

Immer wieder spiegelten sich Bilder aus der Vergangenheit auf der Innenseite der Frontscheibe. Er konnte nicht anders, als diese anzusehen. Szenen, die nur undeutlich hinter einem dicken Nebel erschienen. Oder entstand dieser Effekt durch den beharrlichen Regen, der wie ein Wasserfall über die Scheibe lief. St. Claire schüttelte kräftig den Kopf, um wieder klar zu werden. Langsam stellten sich bei ihm auch noch Kopf­schmerzen ein, die er mit Tabletten zu bekämpfen versuchte. Alles zusammen betrachtet war dies das Schlimmste, was er sich je hätte vorstellen können. Sein persönlicher Super-GAU, sozusagen.

Für einen Moment schweifte sein Blick von der Straße ab und wanderte durch das Seitenfenster auf die rechts neben ihm liegende Landschaft. Dort sah er nichts außer der ihm schon bekannten schwarzen, verschwommenen Masse. Zwar bildete er sich ein, grüne Wiesen zu sehen, weil er wusste, dass es sie dort gab. Wirklich mit den Augen erfassen, konnte er sie jedoch nicht. Martinique St. Claire begann zu träumen. Träume aus seiner Kindheit, die so glücklich war – bis zu jenem Tag.

Aus dem Augenwinkel heraus sah er etwas auf sich zukommen. Schnell drehte er den Kopf und erkannte rechtzeitig, dass er direkt auf ein Straßenschild zusteuerte. St. Claire bremste hart und korrigierte die Spur. Auf dem Schild, das nach rechts wies, stand: RENNES-LE-CHATEAU 3 KM. St. Claire hatte sein Ziel fast erreicht. Nur noch die geschlängelte Straße bergauf trennte ihn vom Ortseingang. Plötzlich hatte er nur noch einen Gedanken – umdrehen und so schnell wie möglich wieder weg von diesem Ort des Schreckens.

St. Claire schloss die Augen und fuhr los. Langsam zeichneten sich die schattigen Umrisse der ersten Häuser ab.


Rezensionen,

Lohn des Autors und Hilfe für den Leser

Newtons Vermächtnis

Ein Katrin Russo Roman

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Kapitel Eins


Es war bereits später Vormittag, als Katrin versuchte, ihre Augen zu öffnen. Sie hatte das Gefühl, aus einem tiefen Koma zu erwachen. Nur sehr langsam schafften es ihre Augenlider, sich zu lösen und Millimeter für Millimeter zu öffnen. Das Erste, was sie sah, war eine dünne Linie rötlichen Lichts, die stetig größer wurde. Trotzdem sie ihre Augen nun schon zur Hälfte geöffnet hatte, sah sie alles nur verschwommen. Es dauerte noch ein paar Minuten, bis ihr Blick klar wurde. Allmählich erkannte sie, dass sie an einer weichen Unterlage lehnte, die zudem auch noch warm war. Irritiert schlossen sich ihre Augen wieder. Ihre Hand strich über den weichen Untergrund und versuchte herauszufinden, aus welchem Material er bestand. Als ihr dies nicht gelang, überwand sie sich, erneut die Augen zu öffnen. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie starke Kopfschmerzen hatte. Am liebsten hätte sie ihr Vorhaben wieder aufgegeben, doch ihre Neugierde ließ das nicht zu. Mit scheinbar letzter Kraft öffneten sich die Augenlider und gaben Katrin den Blick auf ihre Umgebung frei. Immer noch betäubt versuchte sie das Bild, was nun vor ihren Augen entstand, wie ein Puzzle in ihrem Kopf zusammen-zusetzen. Das Erste, was ihr klar wurde, war, dass sie sich in ihrem Schlafzimmer im Haus ihres Bruders befand. Glücklich über die erste brauchbare Information machte sie sich daran herauszubekommen, an was sie sich anlehnte und was sich so merkwürdig anfühlte. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass es sich nicht um eine glatte Fläche handelte, sondern um etwas Erhöhtes, was dazu auch noch sehr schmal war. Mühevoll drehte sie den Kopf von der Seite nach vorn und hob ihn an. In derselben Sekunde, in der sie dies tat, bereute sie es. Ein stechender Schmerz durchzog ihren Nacken und stieg in den Kopf auf. Nachdem sich ihre Sicht wieder geklärt hatte, betrachtete sie ihre Unterlage erneut.

Mit Entsetzen erkannte Katrin, dass sie zur Hälfte auf ihrem unbekleideten Bruder lag. Erschrocken riss sie die Augen noch weiter auf, während das Adrenalin durch ihre Adern schoss. In Michaels Hals steckte ein langes Küchenmesser, welches sie mit der linken Hand umklammerte. Aus der Wunde war eine unglaubliche Menge Blut ausgetreten, welche das Betttuch nahezu völlig rot gefärbt und durchnässt hatte. Katrin war jetzt vollkommen wach und stieß sich mit aller Kraft von dem toten Körper ab. Entsetzt kletterte sie rückwärts über das Fußende vom Bett und ging weiter bis zur Wand, wo sie an einen kleinen Tisch stieß. Schwer atmend betrachtete sie jetzt das gesamte Bild. Wie ein gehetztes Tier sah sie sich um, als müsste sich noch eine weitere Person in diesem Raum aufhalten, die nur auf diesen einen Moment gewartet hatte. Doch dort war niemand. Sie war allein. Plötzlich bemerkte sie, dass ihr Gesäß langsam kalt wurde. Erstaunt und verwirrt zugleich drehte sie sich langsam um und erkannte die kalte Marmorplatte des kleinen Tisches. Gleichzeitig bemerkte sie auch den Grund, warum diese ihrem Hinterteil die Wärme entzogen hatte. Sie stand vollkommen unbekleidet in dem Raum. Ihre langen Haare bedeckten noch nicht einmal den oberen Ansatz ihrer Brüste.

Katrin konnte einfach nicht begreifen, was hier geschehen war. Mit aller Kraft versuchte sie, die letzten Stunden zu rekonstruieren. Doch ihr fehlte jeglicher Anhaltspunkt, um auch nur ansatzweise zu erklären, wie sie mit ihrem Bruder in dieses Zimmer gekommen und warum sie beide unbekleidet waren. Sie konnte sich noch nicht einmal daran erinnern, gestern Abend ihren Bruder gesehen oder mit ihm gesprochen zu haben. Aber war dies wirklich so? Oder hatten sie sich auf etwas eingelassen, das dann außer Kontrolle geraten war? Ihr Blick ging weit ins Leere, während sie unbewegt immer noch neben dem Tisch stand, auf dem sie sich mit einer Hand abstützte. Von irgendwo her hörte sie das Ticken einer Uhr. Krampfhaft überlegte sie, was sie als Nächstes tun sollte.

Es lag jedoch nicht an ihr, den nächsten Schritt zu machen. Denn plötzlich überschlugen sich die Ereignisse.


Kapitel Zwei


Völlig unerwartet öffnete sich die Tür zu ihrer Rechten. Ein etwa ein Meter achtzig großer Mann, etwa Mitte dreißig, betrat ohne Ankündigung den Raum. Sein erster Blick fiel auf den Leichnam, der auf dem der Tür gegenüberliegenden Bett lag. Mit einigen wenigen großen Schritten erreichte er das Fußende und nahm den Tatort ausführlich in Augenschein. Katrin, die schräg hinter ihm stand, hatte er nicht bemerkt. Sie wurde, als er den Raum betreten hatte, von der Tür verdeckt. Während Alan auf das Bett zu stürmte, hatte er sich nicht um die weitere Umgebung gekümmert. Daher war ihm das zitternde Häufchen Elend, welches jetzt seine Arme über der Brust verschränkt hielt, nicht aufgefallen. Erst nachdem er sich schon fast vollständig wieder zum Gehen gewendet hatte, entdeckte der Mann Katrin in ihrer Ecke. Zunächst war ihm nicht klar, in was er hier hineingeraten war. Lange anhaltend musterte er die nackte Frau. Aus irgendeinem Grund registrierte sein Unterbewusstsein, dass es an Katrins Körper keine Blutspuren gab. Wer aber war diese Frau und was machte sie hier? Er war sich nicht klar darüber, was er als Nächstes machen sollte. Die Frau sah nicht gefährlich aus. Trotzdem lag hier eine Leiche und sie war die einzige weitere Person in diesem Raum. Unschlüssig blickte Alan immer wieder zu dem toten Körper auf dem Bett, während Katrin den Neuankömmling mit gemischten Gefühlen musterte. Scheinbar wollte keiner von beiden den ersten Schritt machen. Schließlich hielt es Alan nicht mehr aus. Er drehte sich mit einem Ruck zu Katrin um und sprach sie an.

"Was ist hier passiert?", fragte der Mann mit sich überschlagender Stimme. Dabei deutete er hektisch mit der einen Hand auf den Toten, während er mit der anderen Hand auf Katrin zeigte. Die war jedoch nicht in der Lage, auch nur ein Wort von sich zu geben. Hilfe suchend öffnete sie ihre Arme und streckte sie dem Unbekannten entgegen. Doch Alan blieb an seinem Platz stehen und wartete auf eine Antwort. Schließlich überwand sich Katrin doch noch.

"Ich weiß es nicht", brachte sie gequält hervor. "Ich kann mich an nichts erinnern."

Der Mann betrachtete ihren unbekleideten Körper erneut, um dann seinen Blick wieder auf Michael zu lenken, der in seinem eigenen Blut auf dem Bett lag. Katrin bemerkte dies. Hektisch versuchte sie, die Situation richtigzustellen.

"Ich habe damit nichts zu tun. Das müssen Sie mir glauben." Katrin sah den Unbekannten flehend an. Doch der zeigte keine Reaktion. Krampfhaft versuchte sie, ihn weiter zu überzeugen. "Ich bin heute Morgen wie aus einem Koma nackt neben meinem Bruder liegend aufgewacht, mit dem ich wohl ...", sie blickte an sich herunter.

"Sie meinen, sie haben mit ihm ...", den Rest ließ der Unbekannte offen.

"Ja. Ich meine, nein", korrigierte sich Katrin schnell wieder. "Wir hatten nicht eine solche Beziehung", wehrte Katrin jetzt vehement ab.

"Das glaube ich Ihnen allerdings gerne", antwortete Alan spöttisch.

"Was soll das heißen?", fragte Katrin jetzt aufbrausend. "Glauben Sie, ich bin nicht ...", der Rest ging bereits in Alans abwehrender Antwort unter.

"Nein, nein. Um Gottes willen. Das wollte ich damit nicht ausdrücken. Sie sind sehr, sehr ...", jetzt geriet er ins Stocken. Dabei deutete er mit beiden Händen von oben nach unten und wieder zurück auf ihren Körper. "Ich meinte ja nur, er hatte ...", wieder entstand eine Pause, "... kein derartiges Interesse. Ich glaube, Sie ziehen sich jetzt besser etwas an. Wir müssen uns unterhalten."

Katrin blieb immer noch wie eine Marmorstatue unbeweglich an dem kleinen Tisch stehen. Verzweifelt sah sie ihren Gegenüber an. Doch der machte nur eine hilflose Bewegung, drehte sich um und verschwand durch die Tür, die er hinter sich schloss.

Wieder allein im Raum, sah sich Katrin suchend nach ihrer Kleidung um. Sie fand diese an mehreren Stellen im Raum verteilt. Immer noch verzweifelt über die Tatsache, dass sie sich an gar nichts erinnern konnte, begann sie sich anzuziehen. Dabei versuchte sie es zu vermeiden, ihren toten Bruder auf dem Bett anzusehen. Als sie sich endlich fertig bekleidet hatte, nahm sie die Bettdecke und legte diese über den Toten. Danach verließ sie, mit einem letzten Blick auf das Bett, das Zimmer. Alan wartete bereits in der Küche auf sie, wo zwei Tassen mit dampfendem Kaffee auf dem Tisch standen. Auf dem Herd befanden sich verschiedene Töpfe und Pfannen, aus denen es nach einem englischen Frühstück duftete. Als Katrin den Raum betrat, drehte sich Alan zu ihr um. Seine Augen verrieten, dass er immer noch im Zweifel darüber war, was er von der Situation halten sollte. Katrin begab sich mit unsicheren Schritten zu dem ihr am nächsten stehenden Stuhl, auf den sie sich fallen ließ. Mit zitternder Hand griff sie nach einem der Becher, aus dem sie einen langen Schluck nahm. Alan hatte sich wieder dem Herd zugewandt. Es vergingen weitere zehn Minuten, ohne dass einer der beiden sprach.


Kapitel Drei


Nachdem die beiden eine Kleinigkeit gefrühstückt hatten, eröffnete Alan das Gespräch. Seine Stimme schreckte Katrin aus ihren Gedanken auf. Diese beschäftigten sich jedoch weniger mit ihrem toten Bruder, sondern mehr mit dem Unbekannten, der hier an diesem Tisch saß. Wer war er und wie war er in das Haus hinein gekommen? Wenn er ihren Bruder kannte, in welcher Beziehung stand er zu ihm? Und was sollte überhaupt die Bemerkung, dass ihr Bruder andere Interessen gehabt hätte? Eins schien jedoch festzustehen. Er hatte nichts mit dem Mord zu tun, denn dann hätte er sie wahrscheinlich ohne Zögern auch umgebracht. Oder war er vielleicht doch der Mörder? Warum hatte er noch nicht die Polizei gerufen? Möglicherweise war er zurückgekommen, weil er noch etwas zu erledigen hatte. Katrin konnte die Spannung nicht mehr aushalten. Ihr Kopf drehte sich ruckartig herum und ihre Augen bohrten sich in sein Gesicht.

"Wer sind Sie und wie sind Sie in dieses Haus gekommen?", schrie sie Alan an. Der zuckte sichtlich zusammen. Allmählich wurde ihm in der Gegenwart dieser Frau ein wenig unwohl. Ihr Blick, der Zustand der Leiche und einige andere Dinge deuteten auf eine Psychopathin hin.

"Vielleicht sollten wir doch besser die Polizei verständigen", antwortete Alan, ohne zunächst auf ihre Frage einzugehen. Doch das hätte er besser gelassen. Katrin stand so schnell von ihrem Stuhl auf, dass dieser dabei umfiel und sie den Tisch um mehrere Zentimeter von sich stieß. Alan war davon so sehr überrascht, dass auch er von seinem Stuhl aufsprang und sich über das umgestürzte Möbel einige Meter rückwärts nach hinten begab, bis er an den noch heißen Herd stieß. Erschrocken zog er seine Hand von der heißen Platte. Katrin hatte sein Missgeschick beobachtet und stürzte jetzt auf ihn zu, um ihm zu helfen. Doch das verstand Alan völlig falsch. Hektisch griff er in die nächste Schublade und förderte nach einigem wühlen ein Messer hervor, welches er Katrin entgegenhielt. Die bremste sofort ihren Lauf, um sich sogleich wieder ein Stück zurückzuziehen. Alan wechselte die Hand mit dem Messer und drehte mit der anderen den Wasserhahn auf. Dann ließ er das kalte Nass über die Brandblase fließen, während er Katrin nicht aus den Augen ließ. Diese wiederholte nun mit ängstlicher Stimme ihre Frage von vorhin.

"Mein Name ist Alan Arkin. Ich bin ...", seine Stimme geriet ins Stocken, "... war ein enger Freund von Michael. Wir haben in letzter Zeit an einem gemeinsamen Projekt gearbeitet. Genau genommen ist es sein Projekt gewesen. Ich habe ihm lediglich geholfen und ihn in einigen Dingen unterstützt. Das erklärt auch, wie ich in dieses Haus gekommen bin. Michael hatte mir einen Schlüssel gegeben, damit ich hier auch weiter arbeiten kann, wenn er nicht Zuhause ist. Und jetzt erklären Sie mir bitte, wer Sie sind und was Sie hier machen."

"Ich bin Katrin, Michaels Schwester. Michael hatte mich in sein Haus eingeladen, weil ich hier in Schottland an einer Konferenz für Archäologen und Bibelforscher teilnehme. Das Anwesen hier ist so groß, meinte Michael, dass er sich über ein wenig Gesellschaft freuen würde. Allerdings muss ich gestehen, habe ich Michael noch kein einziges Mal gesehen seit, dem ich hier angekommen bin."

"Warum?", fragte Alan erstaunt.

"Kurz bevor ich hier eingetroffen bin, erhielt ich eine SMS von meinem Bruder, dass er derzeit nicht zu Hause sei. Er bat mich, den Schlüssel für das Anwesen bei einer Bekannten in Melrose abzuholen. Das habe ich auch getan. Ich bin dann gestern Abend hier im Abbotsford House angekommen. Als Erstes habe ich mich frisch gemacht. Danach fand ich einen Zettel von Michael am Kühlschrank, dass er im Ofen bereits etwas vorbereitet hatte. Schließlich bin ich ins Bett gegangen, weil die lange Reise von Münster hier her mich doch sehr erschöpft hatte."

Bei der Erwähnung des Namens Münster runzelte Alan die Stirn. Natürlich kannte er die Stadt nicht. Daher musste Katrin ihm erst noch erklären, dass sowohl Michael als auch sie aus Deutschland stammten. Alan hatte ihren Bruder immer für einen waschechten Schotten gehalten, da dieser schon seit über zwölf Jahren an der Napier University in Edinburgh studierte und sogar jedes Jahr an den Highland Games teilnahm. Als Alan ihr das erzählte, musste Katrin kurz kichern. Sie sah ihren Bruder vor ihrem inneren Auge, wie er mit einem Schottenrock bekleidet Baumstämme durch die Gegend warf. Doch dieser Moment der Heiterkeit währte nur wenige Sekunden. Sehr schnell wurden beide wieder ernst und Alan beschloss, das Messer wieder in die Schublade zurückzulegen. Auch Katrin wurde jetzt klar, dass dieser Mann mit größter Wahrscheinlichkeit nichts mit dem Mord an ihrem Bruder zu tun hatte. Gemeinsam begannen sie nun zu überlegen, was sie mit dem Leichnam machen sollten. Natürlich wäre es am einfachsten, wenn man die Mordwaffe und die Fingerabdrücke auf ihr einfach verschwinden lassen würden. Nur dann würde die Polizei wahrscheinlich eine langwierige Untersuchung des Falles beginnen, die unter Umständen dazu führte, dass sie über Wochen oder gar Monate hier in Schottland festgehalten würde. Möglicherweise würde es sogar zu einem Prozess kommen, in dem man sie anklagte. Und da es so aussah, als wenn sie die einzige Person gewesen war, die zur Tatzeit sich auf dem Anwesen befand, würde man sie vermutlich wegen Mordes verurteilen und ins Gefängnis stecken.

Alan wusste nicht warum, aber er hatte das Gefühl, dass Katrin am Tod ihres Bruders unschuldig war. Er hoffte inständig, damit nicht falsch zu liegen, als er ihr seine Hilfe anbot. Um sich ganz sicher zu sein, blickte er ihr tief in die Augen und fragte sie eindringlich, ob sie etwas mit dem Mord zu tun hätte. Katrin beteuerte glaubwürdig, dass sie zwar von nichts, was in den letzten Stunden passiert war, eine Ahnung, sie aber unter gar keinen Umständen ihren Bruder ermordet hatte. Alan beschloss ihr zunächst zu glauben und machte sich mit Katrin zusammen auf den Weg durch das Haus zu ihrem Schlafzimmer. Gemeinsam überlegten sie auf dem Weg dorthin, wie sie weiter vorgehen wollten. Katrin schlug vor, den Tatort auf Spuren zu untersuchen, die eventuell von dem oder den Tätern zurückgelassen wurden. Alan gab zu bedenken, dass er kein ausgebildeter Polizist oder Spezial Agent sei. Daraufhin grinste Katrin ihn an und erklärte, die Archäologie sei auch nichts anderes als die Suche nach Spuren. Nur, dass die Leichen viel älter waren.

Doch leider nützten ihre archäologischen Fähigkeiten den beiden nichts. Wer auch immer diesen Mord ausgeführt hatte, war beim Verlassen des Tatortes sehr gründlich gewesen. Die beiden fanden nicht einen einzigen brauchbaren Hinweis auf die Täter. Alan bat Katrin darum, ihm noch einmal genau zu beschreiben, was sie nach dem Aufwachen gesehen hatte. Während Katrin dies tat, deckte Alan den Leichnam erneut auf und betrachtete den toten Körper. Plötzlich fiel ihm etwas auf, was er beim ersten Mal nicht gesehen hatte. Auf Michaels Brust waren einige geometrische Zeichen zu sehen. Schnell holte er sein Notizbuch aus der Tasche und begann damit, die Zeichen abzuzeichnen. Katrin trat näher an ihn heran, um zu sehen, was er dort machte. Erst jetzt fielen auch ihr die Zeichen auf. Sie fragte Alan was das bedeutet, aber der konnte ihr keine Antwort darauf geben.

Nachdem die beiden sich wieder in der Küche eingefunden hatten, fiel Katrins Blick auf eine Zeitung, die auf der Ecke der Arbeitsplatte lag. Aus purer Gewohnheit griff sie danach und schaut auf das Datum. Plötzlich wurde ihr Gesicht kalkweiß. Sie fragte Alan, ob das die Zeitung vom heutigen Tage wäre. Alan bestätigte das. Er hatte die Zeitung mit hereingebracht, als er heute Morgen das Haus betrat. Katrin fragte sofort nach, wie spät es sei. Alan deutet auf eine Uhr an der Wand. Katrins Blick folgte dem Zeigefinger. Hektik und Panik brachen bei ihr aus. In schnellen Worten erklärte sie Alan, dass sie umgehend nach Edinburgh müsste, wo sie in zwei Stunden einen Vortrag auf der Konferenz halten sollte. Alan war ein wenig verwirrt über die Tatsache, dass Katrin, die heute Morgen erst ihren Bruder tot aufgefunden hatte, dies jetzt scheinbar völlig verdrängte, und zu ihrer Konferenz wollte. Trotzdem bot er ihr an, sie dorthin zu fahren. Doch Katrin war schon in Gedanken mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Ihr war auf einmal klar geworden, dass ihr drei Tage in ihrem Gedächtnis fehlten. Doch davon erzählte sie Alan nichts – noch nicht.